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Süsser die Glocken nie klingen…

Da stehe ich nun und weiß gar nicht warum. Zweiter Adventssamstag in der Kölner Innenstadt im Kaufhof. Habe vergessen wieso ich hier bin, habe vergessen wie ich hierher gekommen bin, habe vergessen wie ich hier wieder rauskomme.
Dante beschreibt es in seinem ersten Gedicht von der Hölle absolut treffend und gibt mir unschuldigerweise auch eine Einleitung  zu diesem Text:
„Mitten in der Hälfte menschlicher Lebenszeit befand ich mich in einem düstern und grausen Walde, weil ich mich von dem rechten Wege verirret hatte. Und so schwer es ist, zu sagen, wie dieser wilde, rauhe und starke Wald eigentlich war, dessen Angedenken Furcht und Schrecken wieder in mir erneuert – eben so schmerzhaft ist es, und nur der Tod wird wenig schrecklicher seyn.
Allein um des Guten willen, so ich da fand, will ich andere Sachen erzählen, die ich daselbst erfahren habe.“ Wobei Wald natürlich mit Kaufhof zu ersetzen ist.

Da sitzt er nun, der Weihnachtsmann. Ein armer Student, der wohl auch nicht so recht wusste, worauf er sich da einlässt. Über ihm baumelt ein Schild, beschriftet mit der modernen Übersetzung von Weihnachten, übernommen von den hohlhirnigen Vorbetern alberner Bräuche und bescheuerter Namen. Da steht jetzt nicht mehr frohe Weihnacht! Da steht nämlich jetzt Merry X-mas! Der kleine Luke-Jason sitzt da auch seinem Schoß, komplett im vorweihnachtlichen Flecktarn gekleidet und ich frag mich, wo denn jetzt schon wieder Krieg ist. Der kleine Luke-Jason glaubt natürlich nicht an den Weihnachtsmann, ob der jetzt ein Päda-Student im 10. Semester ist oder auch nicht. Aber Luke-Jason glaubt an X-Mas. Und passend zu X-Mas wünscht er sich eine X-Box. Luke-Jason hat einen schicken Haarschnitt: Einen Beckham 2006, so einen nicht ganz fertigen Irokesenschnitt. Der Sohn hat Becks auf dem Kopf, sein Vater daneben hat Becks im Kopf. So cirka vier Dosen.
Auch er hat einen X-Mas-Wunsch, er hätte gerne die neue Ixus von seiner Frau, die da schon größere Wünsche hat: Sie wünscht sich endlich mal so einen Mann wie Wolverine in dem Film X-Men.
Der Flecktarn von Luke-Jason ist übrigens gar nicht mal so fehl am Platz: Hier herrscht der Ausnahme-Zustand. Was ist denn mit der vielzitierten Rezession? Mit der Flaute und den eng geschnürten Geldbeuteln? Wollen die alle nur mal gucken? Oder haben die alle schon ihre 500 Euro Einkaufsgutscheine bekommen? All solche Fragen verwirren mich und im Taumel der Konfusion, kurz vor der Ohnmacht, exstatisch durch die vielen Millionen Menschen und vielleicht auch durch den Sauerstoffmangel verlässt mein Geist meinen Körper. Kennt man ja von Extrembergsteigern und Yogis und arabischen Sufis. Mein Geist steigt auf, ich sehe all die Menschen von oben, hektisch durcheinanderwuseln wie die Ameisen. Doch da wird mir klar, mein Geist hat gar nicht meinen Körper verlassen, ich stehe nur auf der Rolltreppe.
Immer weiter geht es nach oben, da wartet der Saturn, die ultimative Grenzerfahrung, der siebte Kreis der Hölle, wenn wir bei Dante bleiben wollen. Denn dort wohnen die Mörder, Selbstmörder (zu denen ich ja wohl zu gehören scheine), Gotteslästerer, Sodomiten und die Wucherer.
Hier stehen sie dann alle an den Kassen, wie die Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank, nur dass am Ende nicht der satte Klang des Bolzenschussgerätes auf sie wartet, sondern das fast schlaffe Fiepen des Handscanners. Eigentlich schade.
Auf dem Weg zurück habe ich sie dann direkt vor mir. Die Familien-Vierer-Kette. Vater, Mutter, Sohn und Tochter, alle Hand in Hand nebeneinander, dazu noch flankiert von gebirgigen Einkaufstüten, aus denen eine massstabsgetreue Plüsch-Giraffe hervorlugt. Und sie latschen.Sie geben den Worten unseres ehemaligen Bundespräsidenten Weizäcker eine ganz neue und sehr negative Bedeutung. Er sprach von der notwendigen Entschleunigung. Diese Familie vor mir ist komplett entschleunigt. Es wundert mich, dass sie ob ihres Tempos nicht rückwärts laufen, so lahm latschen diese ausgelutschten Luschen vor mir ihrer Wege und blockieren jede Überholmöglichkeit. Ich bin grad nicht für das Entschleunigen. Ich bediene mich eines anderen Bundespräsidenten und denke mir, dass da eher ein Ruck durch gehen sollte. Vielleicht sogar von mir aus. Doch meine gute Erziehung schlägt mir ein Schnippchen und ich werde nicht zum gewalttäigen Berserker. Da ham die aber Glück gehabt. Andererseits wäre mir dann auch das Superschnäppchen entgangen: Drei als Weihnachtsmänner verkleidete Eichhörnchen sitzen grenzdebil grinsens auf einem Ast und singen auf Knopfdruck „Jingle Bells“ in einer Art, dass es sogar dem Handy-Frosch die Schamesröte auf die grünen Backen getrieben hätte. Aber auch die Eichhörnchen gibt es bald sicher im Jamba-Sparpaket. Überhaupt klingt hier alles wie aus dem Jamba-Sparpaket oder eine nicht enden wollende Werbepause bei MTV, alles bunter, alles wie eine LP von Marianne und Michael auf 78 Umdrehungen pro Minute, alles befindet sich auf der Überholspur. DABEI GEHT ES GAR NICHT WEITER!
Endlich ist die Familie mit der Giraffe weg, den letzten als Engel verkleideter Promoter, der mir eine Bonuskarte ins Gesicht hält und mich anblafft: „Hohohols Dir!“ bodychecke ich dann doch noch auf Seite und ich bin wieder raus. Luft. Atmen. Beruhigen. Ein bisschen weinen. Das Gefühl, dass man es geschafft hat. Nur leider weiß ich nicht was. Da fällt es mir wieder ein: Ich wollte Geschenkpapier kaufen. Mit leeren Händen schleiche ich heimwärts. Egal, komme ich halt morgen wieder. Da ist verkaufsoffener Sonntag. Ist bestimmt nix los.

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