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Wörter und so

Neulich ist mir mal aufgefallen, dass wir mit einem ehr als klein und krebsig zu bezeichnenden Wortschatz um uns werfen um so etwas zu versuchen wie kommunizieren.

Ich bin fast geneigt zu sagen, dass der deutsche Wortschatz ärmlich und ein wenig räudig ist. Räudig hat zwar recht wenig mit Sprache zu tun, auch sonst ist räudig eher in einer thematischen Nische zu finden, nämlich als Adjektiv der Krankheit Räude, hervorgerufen durch wahrscheinlich nichts ahnende Krätzmilben, vorzugsweise bei Hunden.

Aber, und da sind wir wieder beim Thema, warum nicht dieses fabelhaft lautmalerische Wort „räudig“ auch auf andere Objekte beziehen, die ihrerseits so aussehen, als wären sie von der miesen Milbe befallen und bereits von ihr destaströs benagt worden?

Ich hatte eine Deutschlehrerin in der 5. Klasse, die möchte ich gerne, noch im Nachhinein, als räudig bezeichnen. So sah sie nämlich aus.

Oder wer das Café Storch kennt, wird mir nickend beipflichten, dass sich dort so manches Möbel eher räudig dem Durstigen anbietet. Hier zeigt sich dann auch wieder die flexible Bandbreite, mit der wir dem Wortschatz so manche Vielschichtigkeit abtrotzen können: Hier ist räudig eine doofe, alte, leicht talgig riechende Vettel, die jedes Jahr aufs Neue den „Wind in den Weiden“ durchnimmt, dort ist es das liebevoll aus dem Sperrmüll zusammengeklaubte Interieur eines eben nicht 08/15-Cafés mit Charme und Patina.

Doch genug der Räude.

Ich gehe mal stark davon aus, dass in einer hoffentlich fernen Zukunft, nur noch mit Zischlauten kommuniziert wird. Begeben Sie sich mal rein aus Neugierde in einen Haufen dumpfer Jungproleten, also auf einen Schulhof oder in eine Berufsschulklasse von Bank-Azubis. Folgendes werden Sie dort hören: Stschschtschzschsssscht. Zumindest auf den ersten Hör. Oder Lausch. Auch so ein Zeichen für die Unzulänglichkeit der deutschen Sprache. Es gibt einen ersten Blick, nicht nur sprichwörtlich, aber nicht das akustische Pendant dazu. Dabei hat dieser Moment durchaus seine Berechtigung neben dem ersten optischen Eindruck.

Wie oft sahen wir einen Menschen, bei dem wir innerlich entzückt aufhüpften, dieser jedoch dann den Mund öffnete und heraus purzelte an Räudigkeit unübertroffenes?!

Dieses Manko versucht sich die durchaus verachtenswerte Welt der Werbung zunutze zu machen. Da es im Deutschen kein verbreitetes Wort mit dieser gegenteiligen Bedeutung von durstig gab, wurde 1999 von der Dudenredaktion in Zusammenarbeit mit dem Getränkehersteller Lipton ein Wettbewerbs mit mehr als 100.000 Beteiligten ausgeschrieben, dieses Wort zu erfinden. Allein die Tatsache, dass sich die Duden-Redaktion mit dieser Plörre-Firma zusammentat, erklärt einen Teil des Niedergangs der deutschen Sprache.

Gewonnen hat das Wort „sitt“. Als Anlehnung an satt. Wie einfallslos ist das denn? Der Vorschlag kam übrigens vom 17-jährige Schüler Sascha Froer aus Ludwigsburg. Das kann man sich gut vorstellen, dass aus der Ecke der Backfische wieder nur ein Zischlaut kommt. Wenn einer der zwielichtigen Kumpanen von Sascha sagen möchte, dass Sascha nichts mehr trinken braucht, da es ihn, den Sascha, nicht mehr dürstet, zischelt er einfach zu den Umstehenden: Sascha ist sitt. Unsere Ohren hören allerdings nur „Sschassitt“.

Andere Vorschläge dieses Wettbewerbes waren doch viel schöner! Gelöscht zum Beispiel. Oder „dulo“, entstanden aus „durstlos“. Oder eher transparente Ausdrücke wie „getränkt“ oder mein Lieblingskandidat: wamp. Das gab’s auch schon mal, der Germanist kennt es aus dem altdeutschen. Aber es ist doch so schön lautmalerisch! Wamp, da sehen und hören wir es doch schon fröhlich im Bauche gluckern und wissen sofort was gemeint ist. Aber sitt?

Hat sich aber auch nicht durchsetzen können, obwohl der Duden dies hartnäckig versucht.

Aber das hat er auch mal mit dem Modewort „unkaputtbar“, lanciert von der Krake Coca Cola, versucht. Viel schöner finde ich, dass es da eine Berliner Punkrock-Band gab, die sich Unkaputtbar nennt und man folgendes auf ihrer Homepage liest: Traurige Mitteilung, Die Band “Unkaputtbar” ist tot. Also doch nicht unkaputtbar.

Wo wir grad bei der schlimmen Welt der Werbung sind. Der ebenfalls stark krakige Konzern Nestlé versucht uns seit Jahren das Wort Cerealien einzubimsen. Und sie merken scheinbar nicht, dass dieses Wort nicht in den täglichen Sprachgebraucht assimiliert wird. Das ist ja deren Ziel. Sobald jemand Cerealien sagt, wollen sie, dass alle an Kinder Country denken und schon wird eingespeichelt. Anderes Wort, gleicher Konzern: Milchjieper. Klingt noch dazu bescheuert.

Wahrscheinlich der gleiche Werbemensch, der von einem einzigen Zwang getrieben, Werbung in die Welt kotzt: Ein sagenhaftes Tempo 2.0 starten, das will er. Tempo ist tatsächlich ein Wort, das es geschafft hat. Gefühlt sagen die meisten Menschen heute, dass sie mal ein Tempo bräuchten, statt ein Taschentuch. Ein Freund von mir verweigert sich allerdings hartnäckig dieser Indoktrination aus der Welt der Werbung. Er kräht lauthals nach „Zellstoff“ und reduziert seinen Wunsch auf das wesentliche Material. Recht so.

Apropos Sprache und so und ein kleiner Ausflug in das Hier und Jetzt des Autors: Mein Nachbarhaus wird grad eingerüstet und die Gerüstbauer gehen ihrem akustischen Gerumpel nach, da schreit einer der Jungs von unten den quasi neben mir im 4. Stock rumpelnden Kollegen an: „Kannste mir mal sagen wat Du da machst?“ Antwort: „Ich leg die Scheiße höher.“ Klare Worte, was soll er auch sonst machen.

Zurück zur Werbung: Wir sollten ihr bloß nicht verfallen und aus der Hand fressen. Froh bin ich, dass es heute nicht heißt „Ich fühl mich so, so, irgendwie bluna“, wenn uns komisch zumute ist. Und ich möchte jetzt im Sommer auch bitte niemanden am Grill stehen sehen, der mich grenzdebil anschnauzt „Mann, ist das ne Wurst!“, Wurstwerbung ist eh sehr abenteuerlich. Da werden bei Meicas Deutschländerwürstchen schnell mal die großdeutschen Grenzen von 1943 wiederbelebt, in dem auch das „Wiener“ ins deutsche Würstchen einverleibt wird. Ganz kurz denken und uns dann schütteln, wollen wir bei Folgendem: Der Bratmaxe, die Rügenwalder Wurst-Mormonen, Reinert Bärchenwurst, die Mini-Wini-Würstchenkette (lieben Karl und die Anette und der nimmersatte Peter isst direkt den ganzen Meter). Und jetzt bitte schütteln.

Belebt Sie also Eure Sprache, aber seid kreativ dabei! Wenn man verdattert sein kann, warum dann nicht auch mal seine Mitmenschen ganz aktiv dattern? Ruft nach Zellstoff wenn Ihr vor Euch hinschnupft und beult dem Zeitgenossen die Stirn, der vor lauter Sittsamkeit einen Jieper auf Cerealien bekommt. Sie werden sehen, ob er unkaputtbar ist!

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