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Archiv für Dezember, 2006

In der Sesamstraßenbahn

Neulich, da sitze ich in der Straßenbahn, wie immer, leicht gelangweilt, da klingelt neben mit ein Handy. Ein junger Mann mit dem Gesichtsausdruck eins Schafes geht an sein Mobiltelefon. Er fängt an zu sprechen. Und da wird mir klar: „Ich sitze in der Sesamstraßenbahn neben dem leibhaftigen Grobi!“. Es ist nicht nur wie er spricht. Es ist auch das, was er sagt.

„Hallo? Ach Mama. Ja, ich komm gleich nach Hause. Oh, lecker! Ja, ich wollte nur noch kurz zum Saturn ein Geschenk für den Jonas kaufen, dann komm ich. Nein, ich bin noch nicht da, noch bin ich hier. Na in der Straßenbahn. Nein, dort bin ich erst in so etwa 10 Minuten, noch fahre ich hier in der Bahn. Wenn ich dort bin, kaufe ich das Geschenk, das geht ja hier nicht, oder hast Du schon mal in der Straßenbahn eine CD gekauft?! Nein, da geht hier nicht, das mache ich dann da. Wenn ich da bin, kann ich Dich ja noch mal anrufen, ist grad so laut hier. Na da, hier ist es zu laut. Dort ist es dann etwas leiser, da kann ich Dich besser verstehen als hier. Immer noch in der Bahn.
Ja, ich war auch beim Frisör. Aber Mama! Haareschneiden tut doch nicht weh! Also, ich rufe Dich gleich noch mal an. Ja, jetzt telefonieren wir und gleich rufe ich Dich noch mal an.“

Grobi. Neben mir. In der Linie 5. Und er ist nett zu seiner Mutter. Während er ihr noch eine Weile den Unterschied zwischen „Hier“ und „Dort“ erklärt und die den richtigen Gebrauch von „Jetzt“ und „Gleich“, schwebe ich in der sanften Glückseeligkeit eines Kindes, das sich immer den phantasiezerstörerischen Realismen der Eltern widersetzt hat. Ich wusste es damals schon, heute saß der Beweis neben mir: Es sind keine Puppen. Es sind echte Jugendliche, die in Kostüme gesteckt werden in der Sesamstr.. Außer Samson. Kein Mensch kann sich nur von Würstchen ernähren. Allerdings hätte es mich auch nicht gewundert, wenn der zusteigende, doch sehr beleibte Fahrkartenkontrolleur geschnauft hätte „Uiuiui, ich hoffe, Ihr habt alle Fahrkarten!“ und gleich seinem Pendant, dem überdimensionierten Frottee-Boliden, angstvoll die Augen gerollt hätte.

Gut, die Pubertierenden wurden sicherlich immer wieder ausgetauscht, sie wurden ja auch älter. Tiffi, die in der Sesamstraße aussieht wie der auf links gekrempelte Dickdarm eines Lämmergeiers im Leberwurst-altrosafarbene Kräuselkrepp, ist sicher irgendwann Lehrerin für Mathe und Päda geworden, fährt einen rosa Ford Ka und hat keinen Freund. Herr von Bödefeld ist wahrscheinlich Hausmeister und kann weiter kleinen Kindern Angst machen. Und wenn mich nicht alles täuscht, hat Hans Eichel früher den Graf Zahl gegeben. Und Dirk Nowitzki war früher dieser große gelbe Vogel Bibo. Früher tuckte er als überdimensionierter gelber Sack mit Kopfkissenfüllung durch die Sesamstrasse, heute ist er ein gefeierter Basketball-Star. Nur der Gesichtsausdruck ist irgendwie derselbe geblieben…
So denke und sinniere ich weiter und beschließe die Augen offen zu halten. Ernie und Bert haben sich wahrscheinlich doch irgendwann geoutet und wohnen als eine Art Moosgummi-Mutanten in einer Hermaphroditen-WG.Allerdings hatte und habe ich vor Bert und seiner doch unmissverständlich phallischen Kopfform immer etwas Angst. Ich bin übrigens der Meinung, dass Jim Henson bei seiner Schaffung ein schlimmes leiden hatte und viele, viele Zäpfchen nehmen musste. Nur so kann dieser Kopf entstanden sein..
Wir sehen, dass das normale Leben gar nicht so weit entfernt ist vom Tun und Treiben in der bunten Welt der Sesamstraße. Haltet also die Augen auf gebt acht, wer in der Bahn zusteigt. Vielleicht sind es ja auch mal die netten Kollegen von der Muppet-Show…

© 2007 Florian Müller

Wie die fliegenden Fische entstanden sind

Es war einmal vor langer, langer Zeit, also diesmal wirklich vor sehr langer Zeit, vor so langer Zeit, da hingen wir Menschen noch in den Bäumen und hingen ausschließlich den Gedanken der Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme nach. Schaut man sich allerdings mal um, so ist es bei manchem gar nicht so lange her, höchstens ein paar Stunden. Doch diese Geschichte ist wirklich lange her und spielt im Wasser. Menschen gab es also nicht, das Wasser war noch sauber, Öl war da, wo es hingehört, irgendwo unter der Erde und Sportfischer waren auch noch nicht fertig. Allerlei Viecher tummelten sich da im nassen Element, alle erschaffen vom unvergleichlichen und kreativen Poseidon. Heutzutage wäre er Designer und würde uns wahrscheinlich mit doofen Klamotten auf die Nerven gehen, die ausschließlich in Düsseldorf verkauft würden. So kreativ war er. Für Bekleidung gab es damals aber noch keine Notwendigkeit, also schuf und designte er Fische und das ganze andere Kroppzeug was im Meer wohnt.

An Artenvielfalt kaum zu übertreffen, manches schön und manches hässlich, aber alles mit hohem Wiedererkennungswert. Alles ist irgendwie etwas Besonderes und vieles ruft ein lautes „Hallo“ hervor, könnte man unter Wasser sprechen. Alles? Nicht ganz. Da gab es eine Sorte Fische, die von Poseidon ein wenig nachlässig kreiert wurde. Diese Fische sahen so unspektakulär aus, so nach nichts, quasi ein Schluck Wasser im Meer. Niemand konnte sich an sie erinnern, auch wenn sie gerade an einem vorbei schwammen. Das muss man sich ungefähr so vorstellen: Der Fisch, der nach nix aussah und übrigens auch keinen Namen hatte, nennen wir ihn im folgenden einfach Fisch-Fisch, dieser Fisch-Fisch schwamm also durch einen lustigen Makrelenschwarm, der gerade auf dem Weg zum Wasserballett oder sonst wohin war. Dann sagte eine Makrele zur anderen: „Wer war das denn?“ Antwort: „Wer denn, hab gerade nicht hingeschaut. Wie sah er denn aus?“ „Ach ich weiß auch nicht, kann mich schon gar nicht mehr erinnern…“

Und so ging es ständig. Kein Name, nach nix aussehen, keine Chance bei anderen Fischen. Kein Wunder, dass sich die Fisch-Fische sich nicht unbedingt wohlfühlten. Selbst auf ihrer eigenen Beliebtheitsskala rangierten sie irgendwo weit unten.

Also wählten sie den mutigsten aus ihren Reihen und schickten ihn zu Poseidon. Er wurde dem Meeresgott vorstellig, der gerade in seinem Hobby-Raum an irgendetwas unglaublich frickeligem bastelte. Der Fisch-Fisch hub an zu sprechen: „ Entschuldigt bitte, wir haben das Maul voll. Wir wollen auch etwas besonderes, etwas, wonach wir benannt werden, sei es auch, wenn es uns entstellt, was uns aber wenigstens einen Namen gibt!“ Zu Poseidon muss erwähnt werden, dass er nicht besonders geduldig ist, schnell aufbrausend, fast jähzornig und auf keinen Fall Kritik vertragen kann. Und er geht mit seinem Werkzeug oft etwas schlampig um. Eines Tages suchte er vergeblich seine nigelnagelneue Säge, später stellte sich heraus, dass er sie beim Basteln in einem neuen Fich einfach vergass. Kunstfehler. Eine Sache, die Poseidon sehr peinlich war. „Wenn dass eine Anspielung auf diesen blöden Sägefisch sein soll, gibt’s Kasalla! Ich habe tausendmal gesagt, dass es ein Versehen war!“ Der Fisch-Fisch wollte ihn direkt beschwichtigen: „Nein, nein, soll es natürlich nicht sein!“ Konnte sich aber nicht verkneifen, ein leises, laut gedachtes „Und der Hammerhai? Was ist mit dem, Du Trampel?“ zu sagen.

Das hörte Poseidon natürlich und in einem Wutanfall warf der Wassergott mit einem Gallertklumpen, aus dem immer alles Leben entsteht, nach dem armen Fisch-Fisch. „Hau ab und lass mich zu Frieden, ich will arbeiten! Aufmüpfige Fische kriegen gar nichts!“

Der Fisch-Fisch trollte sich und der Gallertklumpen blieben auf dem Boden des Hobby-Raumes liegen. So sind übrigens dann die Quallen entstanden.

Der Fisch-Fisch trollte sich, wollte aber nicht zu seinen Artgenossen zurück, da er sich nicht traute, die schlechte Nachricht weiter zu geben. Nach einer Weile unruhigen auf und ab-Schwimmens dachte er sich „Ach versuch es doch noch mal, wer sich so schnell aufregt, regt sich sicherlich genauso schnell wieder ab.“ Und schwamm abermals zu Poseidon. Von schnell abregen wollte der aber nicht wissen. Zornig ließ er einen halbfertigen neuen Fisch, dem noch sämtliche Flossen, das Maul, eigentlich alles fehlte auf der Werkbank liegen, wo er ihn später auch vergaß, zack Seegurken, stampfte auf den verängstigten Fisch-Fisch zu und brüllte ihn an „ Freundchen, ich habe Dich gewarnt! Jetzt gibt’s Ärger!“, und er zog ihm die Ohren lang, in Ermangelung der Ohren mussten allerdings die Brustflossen herhalten. Und da Poseidon ein Gott war, konnte man das Langziehen ruhig wörtlich nehmen!

So entstellt schwamm der Fisch-Fisch zu seinen Kollegen zurück, bitter weinend. Er wollte mit einer guten Nachricht heimkehren und jetzt das! „Ich seh’ ja bescheuerter als ein Mondfisch aus, selbst der Buckelwal seiht neben mir wie eine Märchenprinzessin aus! Säfisch und Hammerhai werden mich im Chor auslachen…“ Und so weiter klagte und jammerte er. Zufälligerweise blickte er aber auf dem Weg nach oben, als plötzlich eine Möwe dicht über der Wasseroberfläche flog. Da blieb er abrupt stehen und betrachtete seine grotesk langgezogenen Flossen. „Moment mal! Vielleicht…“ Gedacht, getan. Er erhob sich, wenn auch nur für eine kurze Strecke aus dem Wasser und flog! „ Ich kann fliegen! Ein alter Fischheitstraum wird wahr für mich!“ Schnell schwamm er zu den Seinigen und zeigte ihnen das Wunder, das eigentlich als Strafe gedacht war. Was war das für ein Applaus! Jede nachfolgende Generation hatte nun auch diese Flossen-Flügel, und „fliegende Fische“, wie sie nun ehrfurchtsvoll genannt wurden, vermehrten sich schnell. Kein Wunder, hatten sie bislang doch niemanden, der mit ihnen spielen wollte.

Nun hatten sie trotzdem etwas besonderes, einen neuen Namen und waren beliebt, vor allem konnte sich aber nun jeder an sie erinnern.

Und manchmal, wenn sie über Poseidons Hütte fliegen, würden sie ihm eine lange Nase machen. Wenn sie könnten. Aber was nicht ist, kann ja noch werden…

© 2007 Florian Müller

Mein Tagebuch

1.2.2000

Ich habe das Gefühl verfolgt zu werden. Und das stimmt sicherlich auch. Wahrscheinlich wollen Sie mich auf ihre Seite ziehen, mich für ihre unheiligen Zwecke benutzen, aber da mache ich nicht. War im Kaufhof heute, als die Durchsage kam „33 bitte 11, Fernruf.“ Was bedeutet das? Ich weiß es nicht. Ich bemerkte zum ersten Mal die ganzen Kameras, fühle mich unsicher und verlasse das Geschäft. Auf der Rückfahrt hatte ich einen freundlichen Busfahrer, es ist etwas nicht in Ordnung.

2.2.2000

Ich hatte heute eine Werbebroschüre vom Kaufhof im Briefkasten, sie wissen also wo ich wohne, ich muss vorsichtiger sein. Sonst ist nichts passiert.

4.2.2000

Heute nacht redete ich im Schlaf, konnte jedoch nicht verstehen, was ich da sagte, hatte gerade noch folgenden Haiku aufzuschreiben, bevor ich wieder einschlief: Liebe ist wie Blut ohne Ader, wenn sie nicht fließt gerinnt sie schnell. Ich bin der Beste. Am Morgen bekam ich Post vom Finanzamt, eine Steuerrückzahlung. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Ich beobachte meine Umwelt genauer. In genau einem Monat habe ich Geburtstag.

5.2.2000

Gerade war ich dabei an dem Mantel aus lebenden Silberfischen weiter zu arbeiten, als mir etwas erschreckendes auffiel: Ich habe noch nie einen toten Silberfisch gesehen! Wahrscheinlich gibt es in meiner Wohnung gar keine richtigen Silberfische. Das sind bloß Wanzen, intelligente Abhöranlagen, getarnt als silbrige Gesellen! Sofort habe ich meinen Silberfisch-Mantel vernichtet. Von nun an werde ich nachts alle Wasserhähne aufdrehen, damit die nichts verstehen, wenn ich wieder im Schlaf rede und die Geheimnisse des Lebens preisgebe.

6.2.2000

Heute morgen hörte ich Stimmen aus meinem Fön. Damit haben sie sich verraten. Silberfische habe ich keine mehr gesehen. Sie sind schlau, aber nicht so schlau wie ich. Ich war gerade dabei das Gesamtwerk Kafkas in die Sprache der Hopi-Indianer zu übersetzen, als der neue Nachbar einzog. Er heiß Jürgen Nafzinger und sieht auch so aus. Bin mir sicher, dass sie ihn schicken. Bemerke, dass seit Wochen ein Auto vor meiner Wohnung steht. Es hat keine Reifen und Nummernschilder mehr, aber das ist sicher nur Tarnung.

7.2.2000

Mein neuer Nachbar ist mit Sicherheit ein Vampir. Er ist sehr blass, schläft tagsüber und ist nachts unterwegs. Er sagte, er wäre bei der Nachtschicht von Ford, aber das glaube ich natürlich nicht. Ich habe ihn nicht in die Wohnung gelassen, sicher ist sicher. Ich verlasse die Wohnung abends nur noch mit einer Kette aus Knoblauchzehen.

8.2.2000

Ich habe meinen neuen Bibelcode auf die heilige Schrift angewandt, erstaunliches kam dabei heraus: Ich bin Jesus! Sofort rief ich bei der katholischen Kirche an um ein grauenhaftes Missverständnis aufzuklären und beim Kultusministerium um mitzuteilen, dass die Osterferien ungültig seien. Man glaubte mir nicht. Ich werde auf der Strasse angeglotzt, die Leute reden über mich. Man könnte glauben, dass es an meines Toga, der Dornenkrone und der Knoblauchkette liegt, aber ich weiß es besser.

9.2.2000

Mein Zahnarzt rief an. Er wollte mich sehen, da irgendetwas mit meinen Füllungen nicht in Ordnung sei. Ich bin mir sicher, dass sie dort Peilsender implantiert haben. Ich legte sofort auf und Zog mir die Zähne mit der Rohrzange. Ich gehe kein Risiko mehr ein. Heute wollte ich Wasser zu Wein machen. Klappte nicht, wahrscheinlich ist mein Nachbar schuld, ich vermute in ihm nicht nur einen Vampir, er ist der Antichrist. Er guckt Skispringen und Bobfahren im Fernseher und jubelt laut, das kann kein Mensch. Er versucht mich zum Wanken zu bringen, Vater will mich mit ihm wohl auf die Probe stellen. Er hört Blümchen, Zlatko und Scooter. Das kann kein Mensch sein. Werde Vater bitten Nachsicht mit mir zu haben.

10.2.2000

War heute in der Kirche um mal Hallo zu sagen. Als ich mein Ebenbild vom Kreuz befreien wollte, wurde ich vom Pfarrer unterbrochen. Auf meinen Hinweis hin, dass ich ja leben würde, sagte er „Jaja, er ist um uns und in uns allen.“ „Nein“, entgegnete ich,“ich stehe doch direkt vor ihnen“! Er wollte nicht verstehen. Oh Vater was soll ich tun?

11.2.2000

Heute nacht kam mir der Gedanke: Wenn sie meine Zähne manipuliert haben, was denn dann noch? Erinnerte mich daran, als Kind auf den Kopf gefallen zu sein. Damals schob man mich in eine Röhre und ich trug einen Verband um den Kopf. Also auch das Gehirn. Ich habe mir einen Hut aus strahlenabweisender Alu-Folie gebastelt. Den muss ich nun immer tragen, damit sie nicht meine Gedanken lesen. Nun zeigen die Leute auf mich. In meiner unendlichen Güte lächle ich sie an und segne den ein oder anderen durch Handauflegen. Eine alte Frau schlug mich mit ihrem Schirm, ich wollte sie doch nur von ihrer Gehhilfe befreien und sagte: „Nun gehe, dies brauchst Du nun nicht mehr, denn ich habe Dich geheilt. Geh hin und verkünde mein Wort“. Die Menschen sind ignoranter als ich dachte. Muss unbedingt mit Vater darüber reden.

12.2.2000

Heute war das missionieren besonders schwer. In zwei sogenannten Menschen im Supermarkt erkannte ich Azathot und Behemoth, zwei Dämonen aus der Hölle, geschickt von meinem Nachbarn. Ich konnte sie überwältigen, musste dann aber vor einer wilden Meute flüchten. Es ist nicht einfach Gottes Sohn zu sein. Beim Laufen verfing ich mich mit meinen Sandalen in der Kutte und schlug mir das Knie auf. Werde ich später heilen.

Gerade fährt ein Krankenwagen vor die Tür. Ob jemand im Haus meine Hilfe benötigt? Sie steigen mit seltsamen weißen Jacken aus dem Wagen. Ich werde sie unterstützen, oh, es klingelt gerade, Augenblick…

© 2007 Florian Müller

Rolf Rollmops

Rolf Rollmops konnte natürlich nichts für seinen Namen. Den bekam er von seinen boshaften Eltern. Eigentlich wollten sie nur ficken und dann das. Die Eltern von Rolf Rollmops hießen Falter mit Nachnamen und nur um ihrem Sohn mal so richtig eins auszuwischen und ihm zu zeigen, wie wenig sie seine Einmischung in ihr Leben tolerierten, ließen sie sich in Rollmops umbenennen. Der Vater von Rolf mochte keinen Fisch, er (O-Ton) „hatte einen Riesen-Hals auf die Viecher“, weil er sich einmal an einer Gräte verschluckte. Das lässt tief auf das geistige Rüstzeug von Rolfs Vater schließen. Dass sie ihn dazu auch noch Rolf nannten, machte in ihren Augen die Sache erst richtig rund.

Rolf Rollmops war eben kein geliebtes Kind. Und auch kein beliebtes. Weil die Eltern ihm wirklich keine Freude und auch keine Freunde gönnten, rieben sie jeden Morgen seine Kleidung mit einer alten Sardine ab. Außerdem musste ein altes Fischbrötchen als Pausenbrot herhalten. Jeden Tag das gleiche Brötchen. Dass Rolf nicht auf die Idee kam dieses in allen Regenbogenfarben riechende Brötchen wegzuwerfen, zeigt, dass Rolf Rollmops nicht nur erbärmlich stank, er war auch noch erbärmlich blöd.

Blödheit, Stinken und keine Freunde haben, sorgte dafür, dass Rolf Rollmops bald genauso böse und verschlagen wurde wie sein Vater, der ihm bei der Einschulung statt einer Schultüte eine Dose Heringsfilet pikant von Homann in die stinkenden Finger drückte.

Ständig gab er Schulkameraden und Lehrern Ohrfeigen, die sich gewaschen hatten. Im Gegensatz zu Rolf, der sich eigentlich nie wusch. Falls mal jemand fragte, warum er denn gerade eine Ohrfeige kassiert hatte, meinte Rolf immer „nur so.“ Und fügte noch ein „Du Arsch“ hinzu. Gewagt zu wehren hatte sich nie jemand, die Lehrer nicht, weil sie Angst vor seinen Eltern hatten, die Mitschüler nicht, weil sie sonst nur noch eine eingefangen hätten. Und Rolf Rollmops war ein Kind wie ein Barsch: Groß, breit, trotzdem flink, verschlagen und bissig. Und Schuppen hatte Rolf auch. Allerdings nur auf dem Kopf.

Rolf Rollmops war ein richtiger Kotzbrocken. Manchmal sammelte er am Hafen alte kaputte Fische und stopfte diese dann in die Schulranzen der Mädchen, die natürlich fürchterlich weinten. Das war das schönste für Rolf Rollmops. Wenn ein Mädchen weinte, dann lächelte er sogar ein bisschen.

Man überlegte schon die Schule zu schließen und alle, Schüler und Lehrer in ein FBI-Schutzprogramm zu schicken, doch die Mitschüler kamen diesem Plan zuvor.

Sie warteten bis zu dem Tag, als Rolf Rollmops der letzte in der Klasse war. Schnell versperrten sie die Tür und aktivierten die Sprinkleranlage. Sie standen draußen vor den Fenstern zur Klasse und beobachteten wie sich das Zimmer langsam aber sicher mit Wasser füllte. Bald konnte Rolf Rollmops nur noch schwimmen, und das nicht besonders gut, trotz seiner fischaffinen Lebensweise. Er versuchte durch die Fenster zu entkommen, die hatten seine Mitschüler jedoch vorher nicht nur ordentlich abgeschlossen, sondern auch noch sorgfältig mit Silikon abgedichtet. Irgendwann war der gesamte Raum mit Wasser gefüllt und Rolf Rollmops ertrank.

Er wurde im schuleigenen Fischteich entsorgt, das Klassenzimmer wurde trocken gefeudelt und die Tafel gefönt. Schnell ging alles wieder seinen Gang.

Nur manchmal ging einer am Fischteich vorbei, schüttelte den Kopf und murmelte; „Jaja, der Rolf, das war schon ein ganz schlimmer…“

© 2007 Florian Müller

Lieber Bild-online Redakteur

Ihr guten, ihr schönen, ich möchte Euch danken und preisen. Ich möchte Euch den Ruhm zukommen lassen, den ihr zweifelsfrei verdient habt, der jedoch in der barschen Kritik so genannter Intellektueller und gebildeter Menschen hoffnungslos untergeht. Oft müsst Ihr im Dunkeln nach Hause schleichen, weil ihr sonst verprügelt werdet. Mit Unterlassungsklagen werdet Ihr geohrfeigt, Häme und Spott berieseln Euch jeden Tag, Eure Mütter dürfen nicht wissen, welchen Beruf Ihr ausübt. Lernt Ihr ein Mädchen in einem Ausgeh-Etablissement kennen, sagt Ihr, ihr arbeitet im Zoo oder als Lehrer, vielleicht auch als Tierpsychologe, nur um den Augenblick zu verlängern, in dem ihr nicht nur unter Euresgleichen existieren dürft. Denn erfährt sie, dass Ihr eigentlich für die Bild-Zeitung schreibt, ist das Rendezvous beendet und an das alte Salami-Spiel dürft ihr nicht mal mehr denken. Ihr müsst Euch falsche Namen ausdenken, die ihr unter Eure Artikel setzt um nicht von Mutter und Vater enterbt und verstoßen zu werden. Ihr müsst Euch verkleiden, wenn Ihr das Redaktionsgebäude betretet. Mit Perücke, falschem Bart und weitem Mantel schleicht Ihr gebeugten Hauptes in den frühen Morgenstunden um die Häuser, wenn sich sonst niemand auf den Straßen tummelt, um Eurer Berufung nach zu gehen. Denn eine Berufung ist es mit Sicherheit, vielleicht auch ein Gottesgeschenk. Denkt doch nur einmal an Jesus, und scheut Euch nicht, Euer Bild neben seines zu hängen! Er wurde Zeit seines Lebens auch verkannt, hat gelitten und seine Glorie wurde erst nach seinem Tod gepriesen.

Ausgelacht werdet Ihr, und müsst unter Tränen verfolgen, wie Eure Schöpfungen öffentlich von so genannten Komikern denunziert und verrissen werden. Dabei sind doch eben diese Menschen die Kleingeister, denen der Verstand und die Sensibilität fehlen um Eure Botschaften und poetischen Kreationen zu würdigen, ja zu verstehen.

Ich fühle mit Euch! Ständig habt Ihr diesen Drang in Euch zu schreiben, zu machen und zu schaffen, habt Euch ein Forum aufgebaut, um Eure ungebundene Lebensfreude unter das debile und noch nicht bereite Volk zu geben. Wäret Ihr damals schon gewesen, hätte Luther seine Thesen nicht an die Kirchentür genagelt, er hätte eine Titelserie bei Euch gehabt. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir, an jeder Bahn- und Bushaltestelle in großen Lettern: „Schluss mit Lustig, Ihr da oben! Täglich Tolle Thesen, jetzt in Bild“

Ihr seid verkannte Genies, Euch gebühren Preise, Trophäen und Bamben. Erkannt habe ich die wahre Kunst Eurer Worte, als der dicke Mooshammer verkabelt wurde. Als der lustige Mann, der den Kekstest für den Cappuccino erfand, der aussah wie ein überreifer Schopftintling, das Zeitliche segnete, segnetest Du, lieber Bild-Online-Redakteur ihn mit diesen Worten:

Sein bizarres Leben zwischen Glanz und Sünde

Da muss man nicht erst die Zwischenprüfung in Literaturwissenschaft gemacht haben, um zu erahnen, was für eine Wortgewalt in dieser Titelzeile steckt!

Doch dann kommt ein Teil, in dem die Gnadenbringende Botschaft nicht mehr versteckt im Subtext mitschwingt.

ER war ein Schwan – und ein Schlawiner.

Und das ER schreibst Du komplett in Großbuchstaben, wie es sonst nur Gott vorbehalten ist. An dem Schmerz über den Verlust dieses dicken lustigen Mannes lässt Du uns teilhaben. Mit solch einer Präsenz deiner Qual, dass ich nur noch durch den Schleier meiner Tränen weiter lesen konnte:

ER hatte ein großes Herz – und dunkle Geheimnisse.

ER war sehr arm – und wurde reich.

ER war bizarr berühmt – und blieb ewig einsam.

Sein Leben war ein Märchen – ein Traum und Alptraum

Wie wunderschön Du schreibst! Wie gefühlvoll und ehrlich! Deine Worte lesen sich mit solch geballter Poesie, dass man sie lieber singen als lesen möchte…

Weiter versetzt Du uns in die letzten Nacht des lackhaarigen Paradiesvogels, als wärst Du bei ihm gewesen, als Rudolph M. das letzte mal in die Gefährtin der Zwielichtigen, aber auch der Rastlosen, der Schwärmer, Liebhaber und liebenswerten Randexistenzen eindrangst: In die Nacht:

Sein schwarzer Rolls-Royce (M-RM-111) glitt in der letzten Nacht seines Lebens elegant durch das glitzernde München, wo es am schmierigsten ist.

Rudolph Moshammer saß allein am Steuer und suchte die Liebe. Er fand seinen Tod.

Nie, aber wirklich noch nie hat ein Schriftsteller, Autor, Literaturnobelpreisträger Emotionen so stark zusammenballen können wie in diesen Sätzen. …suchte Liebe. Er fand seinen Tod. Geschickt stellst Du ein Satzkonglomerat aus gerade einmal sechs Wörtern zusammen mit den radikalen Gegensätzen Suchen – Finden / Liebe – Tod. Oder möchtest Du auf den poetisch-philosophischen Ansatz von Maurice Maeterlinck hinweisen, dass die Liebe an sich eine Suche ist, deren Erkenntnis einem Tod gleichkommt, da sie ohne Suche nicht mehr existiert?

Du siehst, lieber Bild-Redakteur, mir bleiben die Tiefen Deiner Sätze und Aphorismen nicht verborgen. Ach ginge es doch allen Menschen so, wir würden Dir eine Sänfte bauen und Dein vom Denken müdes Haupt streicheln und salben.

Weiter entführst Du uns in das geheimnisvolle Leben des Rudolph M aus M. :

„Mosi“ (ewige 50–65) war ein eitler Gockel. Er krähte skrupellos. Er lebte, liebte und log, bis sich die Perücke bog.

Noch haben wir Tränen in den Augen aus lauter Empathie, da zauberst Du uns mit diesem kleinen Reim ein Lächeln auf die Lippen. Du lässt uns auch im Moment der Trauer nicht allein.

Nun zeigst Du uns die Gewalt der Symbolik und der Gegensätze:

• Seine falschen Haare waren ein Symbol für die Schatten seines Lebens.

• Er war homosexuell – und hat es ängstlich bestritten.

• Er war nie Schneider – und wollte Mode-Zar sein.

• Sein Hundetick war ein Werbegag (es gab hintereinander etwa 5 „Daisys“) – auf einer Party lief er mit einem toten Yorkshire-Terrier in der Hunde-Handtasche rum: „Sie schläft.“

• Sein bayerisches Lebensmotto (gesungen): „Moos‘ hamma, schee samma, reich samma, Scheich samma“.

Nun ist Dir natürlich bewusst, dass wir nicht alle aus den südlichen Gefilden Deutschlands herbeigeeilt sind um Deinen Worten zu lauschen beziehungsweise sie begierig mit unseren Augen auf zu saugen. Du besitzt die Weisheit und Gnade uns dieses Lebensmotte des leichtfüßigen Connaisseurs zu übersetzen

Übersetzt: „Geld haben wir, schön sind wir, reich – und Scheich“.

Sogar in Reimform! Da hätte sich die gesamte Meute von Rilkes, Goethes und Morgensterns doch die Zähne dran ausgebissen! Du bist ein Teufelskerl!

Und schon folgt noch ein kleiner Reim, eine Art Sahnehäubchen auf dem vorangegangenen:

Er ist ein Original. Mit dem Herzen eines Engels – und Bengels.

„Engels – Bengels“. Verflixt, wie kommst Du nur auf so etwas?!

Und nun kommt das emotionale Herzstück dieses epochalen Werkes. Du lässt und daran teilhaben, dass Du diesen Tausendsassa, diesen galanten gefallenen Engel persönlich kanntest. Du bauschst es aber nicht auf, es sind die stillen Töne, die wir hier hören und die uns rühren:

Ich stand einmal neben ihm, am Tresen von „Schumann’s Bar“. Wir tranken Bier. Er wirkte müde, allein, einsam aber trotzig: „Das Leben ist ein Geschenk. Das Leben ist schön. Geld macht glücklich.“

Du scheust Dich nicht, Wahrheiten auszusprechen, ja Du stellst Dich gegen die verlogene Gesellschaft mit ihren faden Sprüchen auf ihren Bannern. Natürlich macht Geld glücklich!

Ach würde doch nur jeder Mensch diesen Deinen Mut aufbringen und die Dinge bei ihrem Namen nennen…

Beim Lesen der nächsten Zeile fährt es mir wie eine Dampframme in die Magengrube, es tauchen Gefühle in mir auf, die ich noch nicht einmal kannte, geschweige denn, die ich benennen könnte. Es ist mehr als Trauer, mehr als Liebe, beim Lesen dieser Zeile habe ich mich Gott nah gefühlt:

Er schenkte mir sein weißes Seidenstecktuch und verschwand in der Nacht.

Mir fehlt die Kraft und der Mut diese Worte zu kommentieren.

Du lässt uns einen Blick in die Welt der Schönen und Reichen werfen, durch die Augen von Mooshammer, was für ein genialer Schachzug!

Er hatte 100 Anzüge und 100 Paar Schuhe. Er schneiderte für die Könige von Schweden, Thailand, Saudi- Arabien, für Schwarzenegger, Bernstein, Lorne Green („Bonanza“), Hildegard Knef, Siegfried & Roy, Gracia Patricia, Multimilliardär Flick und Thomas Gottschalk.

Und dann die Kehrtwende! Aus der Jetset-Welt der ernüchternde Blick auf die eigene Existenz zwischen Feierabendbüchsenbier und Jugenddiktatur. Denn in eben der Sprache der Jugend lotst Du uns zurück, ja transzendierst uns zu uns zurück:

Am Schluß war seine Boutique ein Schrein seiner Legende: Seidenkrawatten und so.

Am Schluß Deines Jahrhundertwerkes schaffst Du dann das, was nur den wenigsten gelingt: Du baust mit Deinen Worten ein Denkmal:

Er öffnete dem Tod die Tür.

Jetzt ist Rudolph Moshammer unsterblich.

Vielen Dank, lieber, unbekannter Bild-Redakteur. Ich liebe Dich.

© 2007 Florian Müller

Mir sitzt der Schalk im Nacken

Es ist weiß in diesem Raum. Ganz weiß. Die Wände sind gepolstert, der Boden auch, in der Türe ist ein kleines Guckloch und eine kleine Pforte, durch die mir mein Essen geschoben wird. Es ist eine Gummizelle.

Dr. Peter hat mir freundlicherweise ein Töpfchen Fingerfarbe gebracht, mit dieser schreibe ich nun diese Zeilen an die weichen, weißen Wände.

Wie bin ich denn nur hierher gekommen, ich will es Euch verraten:

Es fing in meiner Kindheit an, ich muss so etwa 8 Jahre alt gewesen sein, da meinte meine Mutter zu mir: „ Na Du hast aber einen rechten Schalk im Nacken!“. So hat sich meine Mutter oft ausgedrückt, den wahren, metaphorischen Sinn ihrer Äußerung habe ich damals natürlich nicht verstanden. Ein Schalk im Nacken. Soso. Und was ist das? Ich war wohl immer zu einem Spaß aufgelegt, habe keine Gelegenheit ausgelassen, Onkel Erwin oder Tante Elsbeth zu ärgern, aber nie bösartig. Das kam später. Auch in der Schule war ich schnell für meine Streiche und Witze bekannt. Einmal habe ich eine Mausefalle in meine Schultüte gepackt und meinte zu meiner damaligen Schulfreundin Barbara: „Greif nur mal rein, was Du zu fassen bekommst, gehört Dir!“ Schnell war es mit der Freundschaft aus.

Doch als meine Mutter mir den Schalk in den Nacken dichtete, nahm ich sie beim Wort. Lange stand ich vor dem Spiegel im Badezimmer und untersuchte meinen Hals, bis ich den Kopf fast so gut drehen konnte wie eine Eule. Nichts war zu sehen. Kein Schalk oder was auch immer. Bis ich dann den Kosmetikspiegel meiner wortgewandten Mutter auf die Rückseite meines Halses richtete. In der vergrößernden Seite sah ich ihn denn: den Schalk.

Ganz klein und scheinbar recht schüchtern lugte er da aus meinem Haaransatz in meinem Nacken hervor. Ein winziges Wesen mit riesigen fast verängstigen Augen blickte mich durch den Spiegel an. Lustig sah er aus, der Schalk. Ein behaartes Gesicht, wie ein kleines Äffchen, mit spindeldürren Ärmchen, eine kleine Stupsnase und eben diese großen ängstlichen Augen.

Noch lustiger war aber sein Gewand. Es schien aus lauter Pompons zu bestehen, hatte hier und da ein Glöckchen am Gewand, das ich nun auch leise bimmeln hörte. Dann sah ich, dass er auch etwas in seinen kleinen Händen hielt. In der Rechten hatte er eine Art Rassel, in der Linken ein Tröte. Und zwar so eine Tröte, die schneckenartig aussieht und sich unter blödem Gefiepe entrollt, bläst man hinein.

„Du bist also mein Schalk“, sagte ich und machte keine Anstalten ihn zu verjagen. Das merkte er und wurde mit der Zeit zutraulicher. Bald verriet er mir seinen Namen: Woggowoggo heiße er, fiepte er mir mit seiner Fistelstimme ins Ohr. Er sprach recht komisch, mit einem Dialekt, von dem ich später erfuhr, dass es sächsisch ist.

Woggowoggo und ich hatten viel Spaß miteinander. Er sagte mir oft lustige Sachen ins Ohr, wenn ich mit Lehrern sprach: Die Lehrer wussten nie, warum ich gerade bei ihren Ausführungen oft in schallendes Gelächter ausbrach. „ Nu guck dir mal die dicke Berta an, selbst so dick, dass sie eine eigene Postleitzahl braucht!“ flüsterte er mir ins Ohr, als uns Frau Berthold in Erdkunde mit den deutschen Postleitzahlen vertraut machen wollte. Ich machte mir fast in die Hosen vor Lachen, Frau Berthold fand es weniger komisch. Im Lehrerkollegium bekam ich bald das Attribut „verhaltensgestört“. Ich erzählte meiner Mutter von Woggowoggo, aber sie lachte nur und meinte: „Jaja, kindliche Autoprojektionen imaginärer Freunde, das ist ja nicht selten“. Ich verstand kein Wort, Woggowoggo flüsterte: „Blöde Intellektuelle, wohl’n Fremdwörterlexikon verschluckt“. Aus reinem Reflex wiederholte ich diese Worte und musste ohne Abendessen ins Bett.

Als meine schulischen Leistungen immer schlechter wurden, es wurde schon von Sonderschule gemunkelt, beschloss ich den kleinen Woggowoggo mit seiner Tröte und seiner Rassel einfach zu ignorieren. Irgendwann würde er schon verschwinden. Der Höhepunkt kam, als unser Mathelehrer, Herr Wonschinski, einer ersten, der nach der Wende in den Westen kam, und die Tiefen der Trigonometrie erklären wollte und Woggowoggo mit voller Lautstärke direkt mit seiner Tröte ins Ohr blies und dazu mit seiner Rassel rasselte. Irgendwann hatte ich die Nase gestrichen voll und schrie: „Jetzt hör doch mal mit dem Scheiß auf, Du Ossiarsch und verpiss Dich endlich dahin wo Du hergekommen bist!“ In der Klasse war auf einmal totenstill, bis auf das Gekicher von Woggo, das natürlich nur ich hören konnte. Herr Wonschinski lief puterrot an, sein rechtes Auge fing an zu zucken und ich rechnete damit, dass platze. Er lief jedoch nur aus der Klasse und kam bald wieder. Mit dem Direktor. In der Klasse war ich ein gefeierter Held, im Rektorenzimmer ein kleines Häufchen Elend. Ich konnte denen doch nicht erklären, dass ich nicht Herrn Wonschinski angeschrien hatte sondern meinen kleinen, für andere Augen unsichtbaren, für andere Ohren unhörbaren Woggowoggo, den Schelm, der mir im Nacken sitzt!

Ich kam noch einmal mit einem Tadel davon und beschloss an diesem Tag den Schelm zu ignorieren.

Wer sich aber im Leben einmal umgesehen hat, der weiß, dass es überhaupt nichts bringt, wenn man die Worte der Eltern befolgt: „Wenn Dich einer ärgert, einfach nicht beachten, dann verlieren sie die Lust und gehen wieder.“ Nichts da. Wenn man den Bösewicht, den Klassenangeber oder den Schelm im Nacken ignoriert, stachelt sie das nur zu ungeahnten Höchstleistungen an.

War ich mal in der Disco und versuchte mit einem netten Mädchen ins Gespräch zu kommen, tanzte er auf meiner Schulter herum und brüllte mir ins Ohr: Die kriegst Du eh nicht, die wirst Du niemals flachlegen, Du bist ein Schlappschwanz…“ und so weiter. Kein Wunder, dass es mit den Mädels nicht funktioniert hat, steht man vor ihnen und klopft sich ständig auf die Schulter, bekommt erst einen nervösen, dann einen irren Blick und schreit letztendlich „Wenn ich will leg ich hier alle flach, halt endlich die Fresse!“, während sie Dir gerade angeregt von ihrem Psychologiestudium erzählt. So mancher Drink landete in meinem Gesicht, so manche Ohrfeige bekam ich. Woggowoggo lachte nur. Er hatte sich auch äußerlich verändert. Sah er in meiner Kindheit aus wie ein etwas bekloppter Monchichie, trabte nun eine Gestalt auf meinem Nacken herum, die wie eine Collage aus einem Gemälde von Hieronymus Bisch aussah. Ein schwarzer Kapuzenmantel, Krähenfüße und ein Krokodilsmaul. Die Rassel und die Tröte hatte er nicht mehr, dafür bugsierte er ständig einen Ghettoblaster auf seinen Schultern, aus dem wahlweise Scooter oder Wolfgang Petry an meine Trommelfelle polterte. Und das schlimmste war: Woggowoggo sang meistens mit. Stellen Sie sich ein Alptraumwesen vor, das mit breitem sächsischen Akzent grölt: „Weiß der Geier oder weiß er nicht, scheißegal ich liebe Dich…“ Das ist nicht schön.

Ich ging zu etlichen Therapeuten, man attestierte mir das Torrett-Syndrom, gab mir verschiedene Pillen, nichts half. Ich versuchte es mit Alkohol, aber man kann sich ja noch nicht mal ordentlich betrinken, wenn einem ständig jemand ins Ohr brüllt: „Einer geht noch, einer geht noch rein!“

Schliesslich hatte ich resigniert. Ignorieren hatte nicht geholfen, also ergab ich mich meinem Schicksal und tat alles, was mir Woggowoggo ins Ohr brüllte. Ich fasste fremde Frauen an, verhönte Jesus in der Kirche, entblößte mich vor Nonnen und trat nach kleinen Hunden von ähnlich kleinen Omas. Ich wurde verhaftet. Im Gerichtssaal gab Woggowoggo noch mal alles: Er brüllte mehrere Minuten lang die Nationalhymne der DDR, bis ich einfach nicht mehr konnte. Bei der zigsten Wiederholung von „Auferstanden aus Ruinen…“ fuhr es aus mir heraus. Mein Rechtsanwalt wollte gerade eine emotionsgeladene Rede über meine schwere Kindheit halten, da steckte ich mir die Finger in die Ohren und schrie „Lalalala, ich hör Dich nicht!“

Ich wurde eingewiesen.

Hier im Sanatorium ist es schön still. Woggo fand es dort nicht so lustig, weil es einfach niemanden ärgerte, wenn ich schimpfend, fluchend und tretend herumpolterte. Alle lächelten nur und gaben mir beruhigende Zäpfchen. Die Batterien aus seinem Ghetto-Blaster gaben auch ihren Geist auf und er war wieder der kleine behaarte Wicht mit Rassel und Tröte. Bald hörte er völlig auf mit dem Krach und verblasste langsam. Ich glaube, jetzt sitzt er auf der Schulter von Daniel Küblböck…

© 2007 Florian Müller

Frauen sind wie Kartoffelsalat

Frauen sind wie Kartoffelsalat auf einer Party bei der jeder etwas mitbringt. Es gibt immer einen Kartoffelsalat, der kaum beachtet wird, der am Ende übrig bleibt. Das ist meistens der Kartoffelsalat, der langweilig aussieht, fad schmeckt, irgendwie nicht aufregend ist. Mit viel Mayonnaise, überhaupt ist von ihm auch immer zu viel da. Der Kartoffelsalat steht dann immer so rum, sagt kaum was, während alle anderen Salate immer weniger werden. Die Party neigt sich dann dem Ende zu, der langweilige Kartoffelsalat steht immer noch da. Irgendwann stürzen sich dann die letzten besoffenen Gäste auch auf diese letzte Schüssel, verzehren den unscheinbaren, faden, langweiligen Kartoffelsalat mit einem Heißhunger aber ohne Würstchen, die waren nämlich schon lange weg. Dabei sagen sie dann Sachen wie: „Mann du bist echt der beste Kartoffelsalat, den ich je gegessen habe, ehrlich!“

Am nächsten Morgen liegen sie dann neben dem Salat, ihnen ist schlecht, sie fühlen sich wie das Opfer aus der Gervais-Obstgarten-Werbung und bedauern zutiefst, den fetten Kartoffelsalat überhaupt angerührt zu haben.

Wie anders ist es da doch mit den exotischen Ingredienzien auf einer Party!

Franziska und Jerome kommen gerade von ihrer Toskana-Reise und bringen ihren toskanischen Kartoffelsalat mit. Nicht ohne dass dieser groß angekündigt wird: „Der ist ganz leicht, mit Estragon und selbstgepresstem Olivenöl!“ Da stürzt sich doch sofort jeder mit einem großen Hallo drauf. Oft genügt auch nur das gewisse Etwas, eine schöne Garnitur, und schon ist der so rausgeputzte Kartoffelsalat der Star jeder Party. Auf die inneren Werte gibt wieder niemand etwas.

Wenn es auf einer Party heißt: „Das ist Begonia, Au Pair-Mädchen aus Brasilien, die sich mit modeln etwas Geld verdient. Sie spricht kein deutsch, möchte aber unbedingt Land und Leute kennen lernen“, kann man sicher sein, dass sie nicht lange um Anschluss betteln muss.

Dass sie eigentlich strohdoof ist, ist erst mal vollkommen unwichtig.

Manchmal ist es aber auch so, dass der Kartoffelsalat nur scheinbar ein ganz besonderer ist. Da stellt Gaby ihren Salat vor: „Der ist aus Kartoffeln, die ich selbst gezüchtet haben. Genau wie die Gürkchen, die hab ich selbst eingelegt. Und als ich die Mayonnaise angerührt habe, war ich nackt.“ Schon ist fast nix mehr vom Salat übrig, der nichts besonderes ist, aber als solcher verkauft wurde.

Etwas ähnliches habe ich mal in einer Bar erlebt, da gab es zwar keinen Kartoffelsalat, aber dafür Menschen. Zum Beispiel dieses Pärchen: Sie sitzt ihm leicht gelangweilt gegenüber, sie haben sich scheinbar erst vor kurzen kennen gelernt, aber schon nichts mehr zu sagen. Bis er sich plötzlich durch eine Äußerung quasi zum toskanischen Kartoffelsalat macht: „Ich gehe hier ja auch so gerne hin, weil die hier ausschließlich Jazz spielen. Ich stehe unheimlich auf Jazz. Jazz ist viel gefühlvoller als andere Musik. Nur bei Jazz kann ich wirklich weinen.“ Solches und andere Sinn-Sülze quillt da aus ihm heraus, aber sie schmilzt vor ihm dahin, fünf Minuten später sehen wir sie wild knutschen, zehn Minuten später verlassen sie Arm in Arm das Lokal. Und geweint hat er nur ein einziges Mal, und zwar als sein Fußballverein abstieg. Doch für sie war er auf einmal der locker-leichte Kartoffelsalat aus biologischem Anbau mit Petersiliengarnitur, Cornichons statt Gürkchen und schön drapierten Radieschen, die wie kleine Mäuse aussehen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie feststellt, dass er eigentlich von Merl, Homann oder Zott kommt und aus einem Fünf-Liter-Party-Eimer stammt.

Doch was erkennen wir sofort? Männer sind eigentlich auch nichts anderes als Kartoffelsalat.

 

© 2007 Florian Müller

Kindermund tut Wahrheit kund

Oder: „Weißt’ was isch meine?!“

Lassen Sie mich ein wenig ausholen: In früheren Zeiten, da war persönliche Flexibilität noch ein echtes Einstellungshindernis. Wenn man da nicht auf einen Beruf, eine Fähigkeit oder das Denken in einer bestimmten Bahn fixiert war, galt man doch direkt als Luftikus, als Taugenichts, meinetwegen auch als Struwwelpeter. Wenn man sich da für die freie Stelle als Fleischereifachverkäufer bewarb und angab, dass einen nicht nur die Liebe zur Wurst beflügelt, sondern dass man nebenbei auch den ein oder anderen Heller mit dem Behufen alter Pferde verdient, dann war aber direkt der Zipfel am Wurstgeduldsfaden des Wurstmeisters erreicht und man konnte sich trollen.

Heute, ja heute ist aber alles ganz anders. Wenn man da wahrheitsgemäß erzählt, dass man mit Schreiben, Fotografieren und Designen seine Brötchen verdient, beziehungsweise verdienen kann, dann, ja dann, bekommt man den Job zwar auch nicht, weil man vom Style her nicht in die Bürocommunity passt, aber man geht mit dem guten Gefühl zum schwarzen Brett der Uni für die Aushilfsjobs, dass man wenigstens nicht ausgelacht wurde.

Flexibilität ist also ein ganz großes Thema. Und wer hat bei neuen Themen immer ganz weit die Nase vorn? Richtig, unsere Jugend, die lieben Kleinen, die Racker und die Zukunft der Erde. Wenn man noch ein kleiner Mensch ist, dann ist es extrem wichtig sich Gehör zu verschaffen und zwar am besten noch bevor man der jungen Union beitritt. Und man muss eben flexibel sein, jede Situation schnell begreifen, sich wie ein Chamäleon verwandeln können um nicht im müden Malstrom der erwachsenen unterzugehen. Jeder Moment, jede Veränderung der Umgebung muss präzise interpretiert werden, in Sekunden, nein in Millisekunden müssen für jede Herausforderung Lösungen parat stehen, Zeit für Fehler gibt es nicht, der Eindruck muss perfekt sein, Erwachsene wollen anders behandelt werden als Gleichgestellte, als Chantal Shakira muss man wissen wer auf der eigenen Seite steht und wer der Feind ist. Am 11.11.2005 war Chantal Shakiras Feind ihre St. Martins-Laterne.

Sie muss etwa 9 oder 10 Jahre alt gewesen sein und ich sah sie mit ihrer Laterne auf der Zülpicher Straße entlanglatschen. Anders kann man diese Art der Fortbewegung nicht bezeichnen. Jedenfalls stand die Laterne nicht auf der Seite von Chantal Shakira. Der Leuchtbommel rutschte aus der liebevoll gekauften Papierhülle, auf der Schnappi das Krokodil in Fehlfarben leuchten sollte. Schnappi leuchtete aber nicht, weil eben der Leuchtbommel rausgerutscht war. Dies bemerkte nun auch die kleine Chantal Shakira. Und wohl nicht zum ersten mal…

Es brach aus ihr heraus: „Verdammter Fuck! Ich kotze gleich! Diese verfickte Laterne, Du Arschloch!“ Und sie schob noch ein leidenschaftlich herausgerotztes „Oh Mann!“ hinterher.

Während der Schimpftirade auf Schnappi dröselte sie den Leuchtbommel wieder zurück in die Laterne und betrat genau eine halbe Sekunde nach ihrem enervierten „Oh Mann!“ die Metzgerei Zippel Ecke Joseph Stelzmann Str. Eine Sekunde nach ihrer Tirade stimmte sie mit glockenklarer Stimme die alte Weise an: „Ich geh mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir…“ Die Zippel-Verkäuferin war gerührt. „Na Du hast aber eine schöne Laterne!“ „Ja, das ist Schnappi, das Krokodil, das find ich total toll.“

Wunderbar. Chantal Shakira bekam mindestens eine Scheibe Bärchenwurst extra, neben Frikadelle uns Kotelett. Und ich gelangte zu der Einsicht, dass ich diese Flexibilität der Chantal Shakira sicher niemals erreichen werde.

Dass die Jungend aber nicht nur die Nase vorn hat in Bezug auf Flexibilität und wieseligem Verhalten erfuhr ich in der Straßenbahn. Einer Truppe von vier hormongestraften Pubertierenden (zwei Jungs, zwei Mädels) lauschte ich folgende Weisheiten ab:

Entgegen aller Annahmen ist die Jungend nicht von Haben wollen, anhäufen von Statussymbolen, Neid und Blendwerk geleitet und beflügelt. Hört man ihnen zu, erfährt man, dass auch bei ihnen ein gesunder Hang zu Sparsamkeit und realistischer Einschätzung vorhanden ist. Sie sprachen gerade von irgendetwas belanglosem, da sagt Mandy auf einmal folgenden Satz: „Ey, Ipod is voll unnötig!“.

Undstatt dass sich jetzt zumindest die beiden Unterhaltungsversierten Jungs entrüstet über die vermeintlichen Vorzüge des modischen Musikbegleiters auslassen, höre ich von den übrigen dreien nur unisono ein zustimmendes „Hmm…“.

Dann unterhielten sie sich über die jeweilige Berufswahl. Der Justin hatte da schon einen ziemlich konkreten Wunsch: „Also ich will mal so Arzt werden oder so. Das ist voll der korrekte Beruf und so. Und da geht’s Kohlemässig richtig steil“.

Melissa, die ihm gegenüber saß ließ sich vom pekuniären Steilheitsgrad des Berufswunsches von Justin nicht beeindrucken. Sie wusste Bescheid. Sie kannte sich in der Materie aus. „Ey, Du weißt schon, dass das voll so der Lernkrampf ist! Weißt’ was ich meine?!“

Ich hatte zuerst Lenkrad verstanden und stutzte kurz. Justin ließ sich jedenfalls nicht von seinem Ziel abbringen. Er würde es schon schaffen. „Normal, aber das check ich schon.“. Das ist doch mal eine gesunde Einstellung. Nur die Ruhe bewahren, sich nicht unnötig verrückt machen lassen, locker durch die Hose atmen. Aber Melissa ließ nicht locker: „Das ist so mit Anatomie und so, das ist voll schwer! Weißt Du überhaupt was Anatomie ist?“ Jetzt war ich gespannt. Justin auf dem Prüfstand, auf dem heißen Stuhl, vielleicht würde sich jetzt schon die Berufswahl Justins in eine ganz andere Richtung schlängeln. Aber Justin hatte den Durchblick. Justin wusste, was Sache war, er kannte sich aus. Drei Augenpaare und ein Ohrenpaar, meins, war gespannt auf Justin gerichtet. Mit einer wedelnden Handbewegung, als wolle er alle Zweifel fortwischen, sagte er: „Ey klar weiß ich, was Anatomie ist. Anatomie ist totes Fleisch.“

So klar, so knapp und so bar jeden Zweifels steht es ganz sicher in keinem Medizinbuch. Justin ist zum Heiler geboren. Trotzdem werde ich in zehn Jahren jeden Arzt, der Hand an mich legen will erst mal nach seinem Vornamen fragen.

© 2007 Florian Müller

Ich mag Arztbesuche

Ich mag Arztbesuche. Also nicht wenn der Arzt einen besucht, sondern wenn man den Arzt besucht. An seiner Wirkungsstätte. In seiner Praxis. Eigentlich müsste es heißen: Ich mag Praxisbesuche, aber das klingt zu umständlich. Ich meine auch nicht den Besuch eines Krankenhauses, sondern einer richtig schönen Arztpraxis. Die Praxis verhält sich zum Krankenhaus wie Jazzmusik zu Techno. Das eine ist feine Musik, das andere für Idioten, die Masse, die Trottel, die ein Ragout Fin nicht von einem Hühnerfrikassee aus der Jugendherberge unterscheiden könnten. Doch ich schweife ab.

Ich gerne in die Arztpraxis bei mir in der Strasse. Es ist eine Gemeinschaftspraxis, man kann also sicher sein, dass da immer etwas los ist. Allerdings wird dort nicht amputiert, auch kann man sich dort nicht lobotomisieren lassen. Es ist quasi eine einfache Praxis für den kleinen Mann. Und die kleine Frau.

Ich gehe dorthin, auch wenn ich nicht krank bin. Die meisten Menschen haben Angst vor Arztbesuchen. Das ist totaler Quatsch. Die Praxis ist ein Quell der Freude und der kreativen Anregung. Man findet schneller Freunde als in einer Kneipe, in der das Kölsch noch Eins achzig kostet. Mark.

Fangen wir mit dem Wartezimmer an. Ich gehöre zu den Menschen, die lieber zuhören, als über Gott und die Welt zu reden, mein Taxifahrer soll die Klappe halten, meinem Lieblingsfriseur wurde bei den Apachen die Zunge herausgeschnitten. Im Wartezimmer nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden, ist relativ schwer, haben doch die meisten dort Angst, sind verunsichert. Und so wollen die meisten reden. Über irgendwas, Hauptsache, es lenkt von den eigenen Ängsten, Auswürfen, Geschwüren, Gebrechen ab. Ich habe eine Methode entwickelt, um nicht angequatscht zu werden: Ich betrete das Wartezimmer stolzen Blickes und es dauert nur wenige Sekunden, bis der erste hustet. Dann kommt mein Auftritt: Ich schaue den Geplagten mit dem Schleim auf der Glottis verächtlich, leicht höhnisch an, mit einer Prise Ekel, und sage laut und deutlich: „Mein Gott, kranke Tiere erschießt man doch auch!“ Und ziehe mir einen Michael-Jackson-ähnlichen Mundschutz über Nase und Mund. Man kann sicher sein, dass man dann nicht mehr angesprochen wird und dass diese Aktion die Gruppendynamik der Wartenden verstärkt, aus der nun die interessantesten Gespräche erwachsen.

Meistens unterhalten sich die Insassen eines Wartezimmers über ihre eigenen Krankheiten. Das reicht bei mir meistens schon aus, damit ich mich gesund und pudelwohl fühle. Ich streife dann den Mundschutz ab, werfe ihn recht sportlich in die Ecke und verabschiede mich kichernd.

Doch um die Gespräche geht es hier nicht.

Der Besuch einer Arztpraxis ist Balsam für meine Seele. Mancherzeit bin ich schlecht gelaunt, möchte die ganze Welt verfluchen, denke, das Schicksal meint es nicht gut mit mir. Dann gehe ich in eine Praxis, und siehe da: Die Empfangsdame ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch schlechter gelaunt. Das hebt die Stimmung radikal, erste recht, wenn sie einen mürrisch anschaut und mir ein „Ja bitte?!“ entgegenrotzt, obwohl sie doch gar nicht krank ist, und ich selbst dann, schon besser gelaunt, nur „och, nix…“ antworte. Schon tänzle ich vergnügt von dannen, die Sonne strahlt wieder, ich bin so gut gelaunt, dass ich Tauben streicheln möchte.

Im Behandlungsraum selbst beginnt die Seelenmassage schlechthin. Nirgendwo wird man mehr gelobt als dort. Der Arzt fragt mich nach meinem Stuhlgang, ich gebe eine zufriedenstellende Antwort, er sagt mit freudig hochgezogenen Augenbrauen: „Sehr schön, fantastisch, toll!“ Wo sonst werden die eigenen Exkremente nach Verlassen des Töpfchen-Alters so begeistert aufgenommen? Ich weiß es auch nicht.

Ich war körperlich schon relativ früh entwickelt, schämte mich aber immer dessen vor meinen Schulkameraden. Dann musste ich zum Hautarzt, der mir ein Muttermal da entfernen musste, wo später die Blinddarmnarbe ihren Platz fand. Kenner und Menschen ohne Blinddarm wissen nun von welcher Stelle ich spreche, der Rest lässt es sich bitte erklären. Jedenfalls begutachtete der Arzt meine nackten Lenden (Mist, doch verraten!) und sagte ob meiner spriessenden Haare: „Mensch, Du bist aber schon prächtig entwickelt“, ganz ohne den Spott in der Stimme, dem ich ängstlich entgegenfieberte. Er durchbrach meine Hemmungen und ich suchte mir sofort eine fünf Jahre ältere Freundin.

Ein Proktologe sagte einmal zu mir: „Sie haben aber einen entspannten Dickdarm!“, wo hört man so etwas denn sonst?

Ärzte sollen unsere Freunde sein, wir sollten mit ihnen auch unsere Späße machen, wie oft amüsieren sie sich auf unsere Kosten? Wer einen Arzt im Freundeskreis hat sollte ihn einfach mal zum Mediziner-Stammtisch begleiten, er wird große Augen machen! Der Patient ist die größte Lachnummer auf diesen Versammlungen! „Der alten Pasulke hab ich erst mal eine Riesenlatte an Medikamenten verschrieben, obwohl, mal ehrlich: Mehr als einen Monat gebe ich der eh nicht, aber irgendwer muss ja meine schicken Golf-Hosen bezahlen, Hahahahaha.“

Ich bin ein Freund von Ärzten. Außer von Zahnärzten. Das sind Sadisten vom Scheitel bis zur Sohle.

Zahnärzte tragen auch nicht aus hygienischen Gründen einen Mundschutz. Nein, sie verbergen dahinter ihr diabolisches Grinsen, ihre hämische Freude über jedes Fleckchen Karies und jede Wurzelbehandlung. Über die freuen sie sich ganz besonders. Während die Kinderärzte unserer Zeit im Mittelalter die Hofnarren gewesen wären, hätten die Zahnärzte ihren Arbeitsplatz unter der Burg und wären Folterknechte. Betrachtet man es mal genau, unterscheiden sich die Instrumente des einen gar nicht so sehr von denen des anderen.

Jeder Arzt-Typ ist auch immer ein ganz bestimmter Typ Mensch. Ich möchte mich hier nicht über den Gynäkologen auslassen, aber wundern muss ich mich doch über ihn. Da muss man schon ganz bestimmte Interessen haben. Genau wie der Proktologe, der auf seine ganz eigene Art mit dem Ende der Nahrungskette beschäftigt ist.

Ich wäre auch ein sehr guter Arzt. Zumindest hätte ich meinen Spaß an der Sache. Jedes mal wenn ich die Untersuchungsergebnisse meines Patienten in den Händen hätte und er das Zimmer betritt würde ich eine Augenbraue hochziehen und das Gespräch mit “Oh, oh…!” Anfangen. Hach, das wäre schön.

Ärzte haben sowieso immer mehr Spaß als alle anderen. Abendlich bedienen sie sich an den Medizinschränken und feiern mit ihresgleichen ausschweifende Drogenparties. Am Morgen werfen sie dann die Pillen ein, die sie uns schon so lange vorenthalten und werden augenblicklich nüchtern und haben keine Beschwerden. Kein Wunder, dass Medikamente immer teurer werden.

Trotzdem, ich mag Ärzte und Arztbesuche.

© 2007 Florian Müller

Flinki, der Maulwurf

Der selbstverliebte und ichzentrierte Mensch glaubt ja das er der einzige wäre mit Religion und Gott und so. Außer Kindern, die glauben noch an den Hundehimmel. Was die wenigsten wissen, sie haben Recht. Hund kommen nach ihrem Tod in den Hundehimmel und dürfen den ganzen Tag Postboten und Autos jagen. Doch um Hunde soll es hier nicht gehen. Alle Tiere haben Religionen, die meisten sind genauso lustig wie die der Menschen. Die Maulwürfe sind so etwas wie Hindus. Es gibt bei ihnen ebenfalls das System der Wiedergeburt. War man gut, wird man als Maulwurf auf einer unberührten schottischen saftigen Wiese wiedergeboren, war man böse kommt man erneut zur Welt in Afrika als Nacktmull. Der Nacktmull ist ein extrem hässliches dem Maulwurf verwandtes Tier ohne Freunde. Vielleicht kommt man sogar in den Zoo und wird von blöden Kindern in zu bunten Jacken, zu großen Hosen, zu hohen Schuhen und zu lauten Handys angeglotzt. Sie denken das wäre der Gipfel an bad Karma for a Maulwurf? Dann lassen Sie sich nun eines besseren belehren. Dies ist die traurige Geschichte von Flinki dem Maulwurf.

Flinki war nicht gerade sehr ehrgeizig. Er war der lazy bone der Maulwürfe. Ein schlimmer Finger, ein fauler Hund, obwohl er ja ein Maulwurf war. Nie grub er mit wenn es ums große Graben ging, zum kollektiven Buddeln, zum Gänge machen und Haufen auf die Wiese produzieren. Er setzte sich einfach immer in ein gemachtes Nest und sagte dann er wäre zuerst da gewesen. Ein wahrer Schuft, dieser Flinki. Nachts, da schlich er sich immer in die Bar seiner Eltern und trank alle Spirituosen aus um seinem Körper etwas gutes zu tun. Am nächsten Morgen hatte er dann meist einen bösen Kater und wollte erst recht nicht helfen und die Familie unterstützen. Bad Boy Flinki. Er wollte noch nicht einmal seiner Oma beim Einkaufen die schweren Tüten tragen. Was für ein mieser Maulwurf. Was für ein mieser missgelaunter, misanthropischer, maximalmäkelnder Maulwurf dieser Flinki doch war. Für Frauen interessiert er sich nicht, da müsste man sich ja anstrengen, eine gute Figur machen, nett sein, Geschenke machen, höflich sein, die Tür aufhalten, sich die Zähne putzen, gurgeln und gepflegt aussehen. Da hatte Flinki keinen Bock drauf. Für Jungs interessierte sich Flinki aber auch nicht. Im Gegenteil, gerne verhöhnte er die schwulen Maulwürfe aus der Umgebung. Dieser Flinki war beileibe nicht nett. Umso erstaunlicher war es dann, dass er trotz seines schlechten Benehmens einen Freund hatte. Es war Lurchi. Ein lethargischer Lurch aus dem Teich um die Ecke. Lurchi war kein Böser Lurch, der in Flinki seinesgleichen suchte. Lurchi hatte einfach keinen Antrieb. Lurchi war ein lustloser, lethargischer, lahmer, langweiliger Lurch. Er hatte auch kein Sanostol. Er war einfach irgendwann Flinkis Freund geworden. Da wurde kein Aufheben drum gemacht, aber so sind Jungs ja nun mal. Lurchi beschwerte sich nie, er ertrug sogar den leicht penetranten Geruch von Flinki, der sich wirklich nur sehr selten wusch und meistens unrasiert daherstänkerte.

Sie machten das, was Jungs so in ihrer Freizeit machen: Also Fenster mit Steinen einwerfen, jede Menge Bier trinken, dem Vater Geld aus dem Portemonnaie klauen und scih damit brüsten, das man schon mal hätte. Das stimmte aber bei den beiden Schurken ganz und gar nicht, Flinki war zu faul wie wir eben schon gehört hatten und Lurchi einfach zu lahm.

Sie spuckten auch gerne in der Gegend herum, dabei waren sie doch gar keine Lamas. Nun, Lurchi vielleicht schon, er war sogar ein sehr Lahmer.

Irgendwann gerieten sie auf die schiefe Bahn und fingen an alten Frauen die Handtaschen zu klauen. Später überfielen sie Banken und sagten böse Wörter wie „Fuck“. Oder „CSU“.

Sie wuchsen zu richtigen Halunken heran. Und Flinki war der Schlimmste. Lurchi eher ein Mitläufer. Jedenfalls kam es wie es kommen musste: Flinki der Maulwurf wurde irgendwann von der Polizei erschossen. Und die Karma-Verwaltung rieb sich schon die Hände. Ihn als Nacktmull wieder auf die Erde zu schicken schien ihnen zu mild. Viel zu mild. Er wurde als Spiel wiedergeboren.

„Flinki, hau drauf“ heißt es. Ziel ist es, so vielen Maulwürfen wie möglich mit einem großen Hammer auf den Kopf zu hauen. Wohlgemerkt handelt es sich dabei nicht um ein Computerspiel und einen virtuellen Hammer. Es sind niedliche kleine Plastik-Flinkis und ein weniger niedlich anmutender Hammer mit dem man auf die Maulwürfe einprügelt.

Und nun wird Flinki, der miese Maulwurf bis ans Zeitenend von Kindern ohne Phantasie und Fahrrad verdroschen. Das hat er nun davon.

© 2007 Florian Müller


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