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Wörter und so

Neulich ist mir mal aufgefallen, dass wir mit einem ehr als klein und krebsig zu bezeichnenden Wortschatz um uns werfen um so etwas zu versuchen wie kommunizieren.

Ich bin fast geneigt zu sagen, dass der deutsche Wortschatz Àrmlich und ein wenig rÀudig ist. RÀudig hat zwar recht wenig mit Sprache zu tun, auch sonst ist rÀudig eher in einer thematischen Nische zu finden, nÀmlich als Adjektiv der Krankheit RÀude, hervorgerufen durch wahrscheinlich nichts ahnende KrÀtzmilben, vorzugsweise bei Hunden.

Aber, und da sind wir wieder beim Thema, warum nicht dieses fabelhaft lautmalerische Wort „rĂ€udig“ auch auf andere Objekte beziehen, die ihrerseits so aussehen, als wĂ€ren sie von der miesen Milbe befallen und bereits von ihr destaströs benagt worden? Den restlichen Eintrag lesen »

In der Sesamstraßenbahn

Neulich, da sitze ich in der Straßenbahn, wie immer, leicht gelangweilt, da klingelt neben mit ein Handy. Ein junger Mann mit dem Gesichtsausdruck eins Schafes geht an sein Mobiltelefon. Er fĂ€ngt an zu sprechen. Und da wird mir klar: „Ich sitze in der Sesamstraßenbahn neben dem leibhaftigen Grobi!“. Es ist nicht nur wie er spricht. Es ist auch das, was er sagt.

„Hallo? Ach Mama. Ja, ich komm gleich nach Hause. Oh, lecker! Ja, ich wollte nur noch kurz zum Saturn ein Geschenk fĂŒr den Jonas kaufen, dann komm ich. Nein, ich bin noch nicht da, noch bin ich hier. Na in der Straßenbahn. Nein, dort bin ich erst in so etwa 10 Minuten, noch fahre ich hier in der Bahn. Wenn ich dort bin, kaufe ich das Geschenk, das geht ja hier nicht, oder hast Du schon mal in der Straßenbahn eine CD gekauft?! Nein, da geht hier nicht, das mache ich dann da. Wenn ich da bin, kann ich Dich ja noch mal anrufen, ist grad so laut hier. Na da, hier ist es zu laut. Dort ist es dann etwas leiser, da kann ich Dich besser verstehen als hier. Immer noch in der Bahn.
Ja, ich war auch beim Frisör. Aber Mama! Haareschneiden tut doch nicht weh! Also, ich rufe Dich gleich noch mal an. Ja, jetzt telefonieren wir und gleich rufe ich Dich noch mal an.“

Grobi. Neben mir. In der Linie 5. Und er ist nett zu seiner Mutter. WĂ€hrend er ihr noch eine Weile den Unterschied zwischen „Hier“ und „Dort“ erklĂ€rt und die den richtigen Gebrauch von „Jetzt“ und „Gleich“, schwebe ich in der sanften GlĂŒckseeligkeit eines Kindes, das sich immer den phantasiezerstörerischen Realismen der Eltern widersetzt hat. Ich wusste es damals schon, heute saß der Beweis neben mir: Es sind keine Puppen. Es sind echte Jugendliche, die in KostĂŒme gesteckt werden in der Sesamstr.. Außer Samson. Kein Mensch kann sich nur von WĂŒrstchen ernĂ€hren. Allerdings hĂ€tte es mich auch nicht gewundert, wenn der zusteigende, doch sehr beleibte Fahrkartenkontrolleur geschnauft hĂ€tte „Uiuiui, ich hoffe, Ihr habt alle Fahrkarten!“ und gleich seinem Pendant, dem ĂŒberdimensionierten Frottee-Boliden, angstvoll die Augen gerollt hĂ€tte.

Gut, die Pubertierenden wurden sicherlich immer wieder ausgetauscht, sie wurden ja auch Ă€lter. Tiffi, die in der Sesamstraße aussieht wie der auf links gekrempelte Dickdarm eines LĂ€mmergeiers im Leberwurst-altrosafarbene KrĂ€uselkrepp, ist sicher irgendwann Lehrerin fĂŒr Mathe und PĂ€da geworden, fĂ€hrt einen rosa Ford Ka und hat keinen Freund. Herr von Bödefeld ist wahrscheinlich Hausmeister und kann weiter kleinen Kindern Angst machen. Und wenn mich nicht alles tĂ€uscht, hat Hans Eichel frĂŒher den Graf Zahl gegeben. Und Dirk Nowitzki war frĂŒher dieser große gelbe Vogel Bibo. FrĂŒher tuckte er als ĂŒberdimensionierter gelber Sack mit KopfkissenfĂŒllung durch die Sesamstrasse, heute ist er ein gefeierter Basketball-Star. Nur der Gesichtsausdruck ist irgendwie derselbe geblieben…
So denke und sinniere ich weiter und beschließe die Augen offen zu halten. Ernie und Bert haben sich wahrscheinlich doch irgendwann geoutet und wohnen als eine Art Moosgummi-Mutanten in einer Hermaphroditen-WG.Allerdings hatte und habe ich vor Bert und seiner doch unmissverstĂ€ndlich phallischen Kopfform immer etwas Angst. Ich bin ĂŒbrigens der Meinung, dass Jim Henson bei seiner Schaffung ein schlimmes leiden hatte und viele, viele ZĂ€pfchen nehmen musste. Nur so kann dieser Kopf entstanden sein..
Wir sehen, dass das normale Leben gar nicht so weit entfernt ist vom Tun und Treiben in der bunten Welt der Sesamstraße. Haltet also die Augen auf gebt acht, wer in der Bahn zusteigt. Vielleicht sind es ja auch mal die netten Kollegen von der Muppet-Show…

© 2007 Florian MĂŒller

Wie die fliegenden Fische entstanden sind

Es war einmal vor langer, langer Zeit, also diesmal wirklich vor sehr langer Zeit, vor so langer Zeit, da hingen wir Menschen noch in den BĂ€umen und hingen ausschließlich den Gedanken der Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme nach. Schaut man sich allerdings mal um, so ist es bei manchem gar nicht so lange her, höchstens ein paar Stunden. Doch diese Geschichte ist wirklich lange her und spielt im Wasser. Menschen gab es also nicht, das Wasser war noch sauber, Öl war da, wo es hingehört, irgendwo unter der Erde und Sportfischer waren auch noch nicht fertig. Allerlei Viecher tummelten sich da im nassen Element, alle erschaffen vom unvergleichlichen und kreativen Poseidon. Heutzutage wĂ€re er Designer und wĂŒrde uns wahrscheinlich mit doofen Klamotten auf die Nerven gehen, die ausschließlich in DĂŒsseldorf verkauft wĂŒrden. So kreativ war er. FĂŒr Bekleidung gab es damals aber noch keine Notwendigkeit, also schuf und designte er Fische und das ganze andere Kroppzeug was im Meer wohnt.

An Artenvielfalt kaum zu ĂŒbertreffen, manches schön und manches hĂ€sslich, aber alles mit hohem Wiedererkennungswert. Alles ist irgendwie etwas Besonderes und vieles ruft ein lautes „Hallo“ hervor, könnte man unter Wasser sprechen. Alles? Nicht ganz. Da gab es eine Sorte Fische, die von Poseidon ein wenig nachlĂ€ssig kreiert wurde. Diese Fische sahen so unspektakulĂ€r aus, so nach nichts, quasi ein Schluck Wasser im Meer. Niemand konnte sich an sie erinnern, auch wenn sie gerade an einem vorbei schwammen. Das muss man sich ungefĂ€hr so vorstellen: Der Fisch, der nach nix aussah und ĂŒbrigens auch keinen Namen hatte, nennen wir ihn im folgenden einfach Fisch-Fisch, dieser Fisch-Fisch schwamm also durch einen lustigen Makrelenschwarm, der gerade auf dem Weg zum Wasserballett oder sonst wohin war. Dann sagte eine Makrele zur anderen: „Wer war das denn?“ Antwort: „Wer denn, hab gerade nicht hingeschaut. Wie sah er denn aus?“ „Ach ich weiß auch nicht, kann mich schon gar nicht mehr erinnern…“

Und so ging es stĂ€ndig. Kein Name, nach nix aussehen, keine Chance bei anderen Fischen. Kein Wunder, dass sich die Fisch-Fische sich nicht unbedingt wohlfĂŒhlten. Selbst auf ihrer eigenen Beliebtheitsskala rangierten sie irgendwo weit unten.

Also wĂ€hlten sie den mutigsten aus ihren Reihen und schickten ihn zu Poseidon. Er wurde dem Meeresgott vorstellig, der gerade in seinem Hobby-Raum an irgendetwas unglaublich frickeligem bastelte. Der Fisch-Fisch hub an zu sprechen: „ Entschuldigt bitte, wir haben das Maul voll. Wir wollen auch etwas besonderes, etwas, wonach wir benannt werden, sei es auch, wenn es uns entstellt, was uns aber wenigstens einen Namen gibt!“ Zu Poseidon muss erwĂ€hnt werden, dass er nicht besonders geduldig ist, schnell aufbrausend, fast jĂ€hzornig und auf keinen Fall Kritik vertragen kann. Und er geht mit seinem Werkzeug oft etwas schlampig um. Eines Tages suchte er vergeblich seine nigelnagelneue SĂ€ge, spĂ€ter stellte sich heraus, dass er sie beim Basteln in einem neuen Fich einfach vergass. Kunstfehler. Eine Sache, die Poseidon sehr peinlich war. „Wenn dass eine Anspielung auf diesen blöden SĂ€gefisch sein soll, gibt’s Kasalla! Ich habe tausendmal gesagt, dass es ein Versehen war!“ Der Fisch-Fisch wollte ihn direkt beschwichtigen: „Nein, nein, soll es natĂŒrlich nicht sein!“ Konnte sich aber nicht verkneifen, ein leises, laut gedachtes „Und der Hammerhai? Was ist mit dem, Du Trampel?“ zu sagen.

Das hörte Poseidon natĂŒrlich und in einem Wutanfall warf der Wassergott mit einem Gallertklumpen, aus dem immer alles Leben entsteht, nach dem armen Fisch-Fisch. „Hau ab und lass mich zu Frieden, ich will arbeiten! AufmĂŒpfige Fische kriegen gar nichts!“

Der Fisch-Fisch trollte sich und der Gallertklumpen blieben auf dem Boden des Hobby-Raumes liegen. So sind ĂŒbrigens dann die Quallen entstanden.

Der Fisch-Fisch trollte sich, wollte aber nicht zu seinen Artgenossen zurĂŒck, da er sich nicht traute, die schlechte Nachricht weiter zu geben. Nach einer Weile unruhigen auf und ab-Schwimmens dachte er sich „Ach versuch es doch noch mal, wer sich so schnell aufregt, regt sich sicherlich genauso schnell wieder ab.“ Und schwamm abermals zu Poseidon. Von schnell abregen wollte der aber nicht wissen. Zornig ließ er einen halbfertigen neuen Fisch, dem noch sĂ€mtliche Flossen, das Maul, eigentlich alles fehlte auf der Werkbank liegen, wo er ihn spĂ€ter auch vergaß, zack Seegurken, stampfte auf den verĂ€ngstigten Fisch-Fisch zu und brĂŒllte ihn an „ Freundchen, ich habe Dich gewarnt! Jetzt gibt’s Ärger!“, und er zog ihm die Ohren lang, in Ermangelung der Ohren mussten allerdings die Brustflossen herhalten. Und da Poseidon ein Gott war, konnte man das Langziehen ruhig wörtlich nehmen!

So entstellt schwamm der Fisch-Fisch zu seinen Kollegen zurĂŒck, bitter weinend. Er wollte mit einer guten Nachricht heimkehren und jetzt das! „Ich seh’ ja bescheuerter als ein Mondfisch aus, selbst der Buckelwal seiht neben mir wie eine MĂ€rchenprinzessin aus! SĂ€fisch und Hammerhai werden mich im Chor auslachen…“ Und so weiter klagte und jammerte er. ZufĂ€lligerweise blickte er aber auf dem Weg nach oben, als plötzlich eine Möwe dicht ĂŒber der WasseroberflĂ€che flog. Da blieb er abrupt stehen und betrachtete seine grotesk langgezogenen Flossen. „Moment mal! Vielleicht…“ Gedacht, getan. Er erhob sich, wenn auch nur fĂŒr eine kurze Strecke aus dem Wasser und flog! „ Ich kann fliegen! Ein alter Fischheitstraum wird wahr fĂŒr mich!“ Schnell schwamm er zu den Seinigen und zeigte ihnen das Wunder, das eigentlich als Strafe gedacht war. Was war das fĂŒr ein Applaus! Jede nachfolgende Generation hatte nun auch diese Flossen-FlĂŒgel, und „fliegende Fische“, wie sie nun ehrfurchtsvoll genannt wurden, vermehrten sich schnell. Kein Wunder, hatten sie bislang doch niemanden, der mit ihnen spielen wollte.

Nun hatten sie trotzdem etwas besonderes, einen neuen Namen und waren beliebt, vor allem konnte sich aber nun jeder an sie erinnern.

Und manchmal, wenn sie ĂŒber Poseidons HĂŒtte fliegen, wĂŒrden sie ihm eine lange Nase machen. Wenn sie könnten. Aber was nicht ist, kann ja noch werden…

© 2007 Florian MĂŒller

Mein Tagebuch

1.2.2000

Ich habe das GefĂŒhl verfolgt zu werden. Und das stimmt sicherlich auch. Wahrscheinlich wollen Sie mich auf ihre Seite ziehen, mich fĂŒr ihre unheiligen Zwecke benutzen, aber da mache ich nicht. War im Kaufhof heute, als die Durchsage kam „33 bitte 11, Fernruf.“ Was bedeutet das? Ich weiß es nicht. Ich bemerkte zum ersten Mal die ganzen Kameras, fĂŒhle mich unsicher und verlasse das GeschĂ€ft. Auf der RĂŒckfahrt hatte ich einen freundlichen Busfahrer, es ist etwas nicht in Ordnung.

2.2.2000

Ich hatte heute eine WerbebroschĂŒre vom Kaufhof im Briefkasten, sie wissen also wo ich wohne, ich muss vorsichtiger sein. Sonst ist nichts passiert.

4.2.2000

Heute nacht redete ich im Schlaf, konnte jedoch nicht verstehen, was ich da sagte, hatte gerade noch folgenden Haiku aufzuschreiben, bevor ich wieder einschlief: Liebe ist wie Blut ohne Ader, wenn sie nicht fließt gerinnt sie schnell. Ich bin der Beste. Am Morgen bekam ich Post vom Finanzamt, eine SteuerrĂŒckzahlung. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Ich beobachte meine Umwelt genauer. In genau einem Monat habe ich Geburtstag.

5.2.2000

Gerade war ich dabei an dem Mantel aus lebenden Silberfischen weiter zu arbeiten, als mir etwas erschreckendes auffiel: Ich habe noch nie einen toten Silberfisch gesehen! Wahrscheinlich gibt es in meiner Wohnung gar keine richtigen Silberfische. Das sind bloß Wanzen, intelligente Abhöranlagen, getarnt als silbrige Gesellen! Sofort habe ich meinen Silberfisch-Mantel vernichtet. Von nun an werde ich nachts alle WasserhĂ€hne aufdrehen, damit die nichts verstehen, wenn ich wieder im Schlaf rede und die Geheimnisse des Lebens preisgebe.

6.2.2000

Heute morgen hörte ich Stimmen aus meinem Fön. Damit haben sie sich verraten. Silberfische habe ich keine mehr gesehen. Sie sind schlau, aber nicht so schlau wie ich. Ich war gerade dabei das Gesamtwerk Kafkas in die Sprache der Hopi-Indianer zu ĂŒbersetzen, als der neue Nachbar einzog. Er heiß JĂŒrgen Nafzinger und sieht auch so aus. Bin mir sicher, dass sie ihn schicken. Bemerke, dass seit Wochen ein Auto vor meiner Wohnung steht. Es hat keine Reifen und Nummernschilder mehr, aber das ist sicher nur Tarnung.

7.2.2000

Mein neuer Nachbar ist mit Sicherheit ein Vampir. Er ist sehr blass, schlĂ€ft tagsĂŒber und ist nachts unterwegs. Er sagte, er wĂ€re bei der Nachtschicht von Ford, aber das glaube ich natĂŒrlich nicht. Ich habe ihn nicht in die Wohnung gelassen, sicher ist sicher. Ich verlasse die Wohnung abends nur noch mit einer Kette aus Knoblauchzehen.

8.2.2000

Ich habe meinen neuen Bibelcode auf die heilige Schrift angewandt, erstaunliches kam dabei heraus: Ich bin Jesus! Sofort rief ich bei der katholischen Kirche an um ein grauenhaftes MissverstĂ€ndnis aufzuklĂ€ren und beim Kultusministerium um mitzuteilen, dass die Osterferien ungĂŒltig seien. Man glaubte mir nicht. Ich werde auf der Strasse angeglotzt, die Leute reden ĂŒber mich. Man könnte glauben, dass es an meines Toga, der Dornenkrone und der Knoblauchkette liegt, aber ich weiß es besser.

9.2.2000

Mein Zahnarzt rief an. Er wollte mich sehen, da irgendetwas mit meinen FĂŒllungen nicht in Ordnung sei. Ich bin mir sicher, dass sie dort Peilsender implantiert haben. Ich legte sofort auf und Zog mir die ZĂ€hne mit der Rohrzange. Ich gehe kein Risiko mehr ein. Heute wollte ich Wasser zu Wein machen. Klappte nicht, wahrscheinlich ist mein Nachbar schuld, ich vermute in ihm nicht nur einen Vampir, er ist der Antichrist. Er guckt Skispringen und Bobfahren im Fernseher und jubelt laut, das kann kein Mensch. Er versucht mich zum Wanken zu bringen, Vater will mich mit ihm wohl auf die Probe stellen. Er hört BlĂŒmchen, Zlatko und Scooter. Das kann kein Mensch sein. Werde Vater bitten Nachsicht mit mir zu haben.

10.2.2000

War heute in der Kirche um mal Hallo zu sagen. Als ich mein Ebenbild vom Kreuz befreien wollte, wurde ich vom Pfarrer unterbrochen. Auf meinen Hinweis hin, dass ich ja leben wĂŒrde, sagte er „Jaja, er ist um uns und in uns allen.“ „Nein“, entgegnete ich,“ich stehe doch direkt vor ihnen“! Er wollte nicht verstehen. Oh Vater was soll ich tun?

11.2.2000

Heute nacht kam mir der Gedanke: Wenn sie meine ZĂ€hne manipuliert haben, was denn dann noch? Erinnerte mich daran, als Kind auf den Kopf gefallen zu sein. Damals schob man mich in eine Röhre und ich trug einen Verband um den Kopf. Also auch das Gehirn. Ich habe mir einen Hut aus strahlenabweisender Alu-Folie gebastelt. Den muss ich nun immer tragen, damit sie nicht meine Gedanken lesen. Nun zeigen die Leute auf mich. In meiner unendlichen GĂŒte lĂ€chle ich sie an und segne den ein oder anderen durch Handauflegen. Eine alte Frau schlug mich mit ihrem Schirm, ich wollte sie doch nur von ihrer Gehhilfe befreien und sagte: „Nun gehe, dies brauchst Du nun nicht mehr, denn ich habe Dich geheilt. Geh hin und verkĂŒnde mein Wort“. Die Menschen sind ignoranter als ich dachte. Muss unbedingt mit Vater darĂŒber reden.

12.2.2000

Heute war das missionieren besonders schwer. In zwei sogenannten Menschen im Supermarkt erkannte ich Azathot und Behemoth, zwei DĂ€monen aus der Hölle, geschickt von meinem Nachbarn. Ich konnte sie ĂŒberwĂ€ltigen, musste dann aber vor einer wilden Meute flĂŒchten. Es ist nicht einfach Gottes Sohn zu sein. Beim Laufen verfing ich mich mit meinen Sandalen in der Kutte und schlug mir das Knie auf. Werde ich spĂ€ter heilen.

Gerade fĂ€hrt ein Krankenwagen vor die TĂŒr. Ob jemand im Haus meine Hilfe benötigt? Sie steigen mit seltsamen weißen Jacken aus dem Wagen. Ich werde sie unterstĂŒtzen, oh, es klingelt gerade, Augenblick…

© 2007 Florian MĂŒller

Rolf Rollmops

Rolf Rollmops konnte natĂŒrlich nichts fĂŒr seinen Namen. Den bekam er von seinen boshaften Eltern. Eigentlich wollten sie nur ficken und dann das. Die Eltern von Rolf Rollmops hießen Falter mit Nachnamen und nur um ihrem Sohn mal so richtig eins auszuwischen und ihm zu zeigen, wie wenig sie seine Einmischung in ihr Leben tolerierten, ließen sie sich in Rollmops umbenennen. Der Vater von Rolf mochte keinen Fisch, er (O-Ton) „hatte einen Riesen-Hals auf die Viecher“, weil er sich einmal an einer GrĂ€te verschluckte. Das lĂ€sst tief auf das geistige RĂŒstzeug von Rolfs Vater schließen. Dass sie ihn dazu auch noch Rolf nannten, machte in ihren Augen die Sache erst richtig rund.

Rolf Rollmops war eben kein geliebtes Kind. Und auch kein beliebtes. Weil die Eltern ihm wirklich keine Freude und auch keine Freunde gönnten, rieben sie jeden Morgen seine Kleidung mit einer alten Sardine ab. Außerdem musste ein altes Fischbrötchen als Pausenbrot herhalten. Jeden Tag das gleiche Brötchen. Dass Rolf nicht auf die Idee kam dieses in allen Regenbogenfarben riechende Brötchen wegzuwerfen, zeigt, dass Rolf Rollmops nicht nur erbĂ€rmlich stank, er war auch noch erbĂ€rmlich blöd.

Blödheit, Stinken und keine Freunde haben, sorgte dafĂŒr, dass Rolf Rollmops bald genauso böse und verschlagen wurde wie sein Vater, der ihm bei der Einschulung statt einer SchultĂŒte eine Dose Heringsfilet pikant von Homann in die stinkenden Finger drĂŒckte.

StĂ€ndig gab er Schulkameraden und Lehrern Ohrfeigen, die sich gewaschen hatten. Im Gegensatz zu Rolf, der sich eigentlich nie wusch. Falls mal jemand fragte, warum er denn gerade eine Ohrfeige kassiert hatte, meinte Rolf immer „nur so.“ Und fĂŒgte noch ein „Du Arsch“ hinzu. Gewagt zu wehren hatte sich nie jemand, die Lehrer nicht, weil sie Angst vor seinen Eltern hatten, die MitschĂŒler nicht, weil sie sonst nur noch eine eingefangen hĂ€tten. Und Rolf Rollmops war ein Kind wie ein Barsch: Groß, breit, trotzdem flink, verschlagen und bissig. Und Schuppen hatte Rolf auch. Allerdings nur auf dem Kopf.

Rolf Rollmops war ein richtiger Kotzbrocken. Manchmal sammelte er am Hafen alte kaputte Fische und stopfte diese dann in die Schulranzen der MĂ€dchen, die natĂŒrlich fĂŒrchterlich weinten. Das war das schönste fĂŒr Rolf Rollmops. Wenn ein MĂ€dchen weinte, dann lĂ€chelte er sogar ein bisschen.

Man ĂŒberlegte schon die Schule zu schließen und alle, SchĂŒler und Lehrer in ein FBI-Schutzprogramm zu schicken, doch die MitschĂŒler kamen diesem Plan zuvor.

Sie warteten bis zu dem Tag, als Rolf Rollmops der letzte in der Klasse war. Schnell versperrten sie die TĂŒr und aktivierten die Sprinkleranlage. Sie standen draußen vor den Fenstern zur Klasse und beobachteten wie sich das Zimmer langsam aber sicher mit Wasser fĂŒllte. Bald konnte Rolf Rollmops nur noch schwimmen, und das nicht besonders gut, trotz seiner fischaffinen Lebensweise. Er versuchte durch die Fenster zu entkommen, die hatten seine MitschĂŒler jedoch vorher nicht nur ordentlich abgeschlossen, sondern auch noch sorgfĂ€ltig mit Silikon abgedichtet. Irgendwann war der gesamte Raum mit Wasser gefĂŒllt und Rolf Rollmops ertrank.

Er wurde im schuleigenen Fischteich entsorgt, das Klassenzimmer wurde trocken gefeudelt und die Tafel gefönt. Schnell ging alles wieder seinen Gang.

Nur manchmal ging einer am Fischteich vorbei, schĂŒttelte den Kopf und murmelte; „Jaja, der Rolf, das war schon ein ganz schlimmer…“

© 2007 Florian MĂŒller

Lieber Bild-online Redakteur

Ihr guten, ihr schönen, ich möchte Euch danken und preisen. Ich möchte Euch den Ruhm zukommen lassen, den ihr zweifelsfrei verdient habt, der jedoch in der barschen Kritik so genannter Intellektueller und gebildeter Menschen hoffnungslos untergeht. Oft mĂŒsst Ihr im Dunkeln nach Hause schleichen, weil ihr sonst verprĂŒgelt werdet. Mit Unterlassungsklagen werdet Ihr geohrfeigt, HĂ€me und Spott berieseln Euch jeden Tag, Eure MĂŒtter dĂŒrfen nicht wissen, welchen Beruf Ihr ausĂŒbt. Lernt Ihr ein MĂ€dchen in einem Ausgeh-Etablissement kennen, sagt Ihr, ihr arbeitet im Zoo oder als Lehrer, vielleicht auch als Tierpsychologe, nur um den Augenblick zu verlĂ€ngern, in dem ihr nicht nur unter Euresgleichen existieren dĂŒrft. Denn erfĂ€hrt sie, dass Ihr eigentlich fĂŒr die Bild-Zeitung schreibt, ist das Rendezvous beendet und an das alte Salami-Spiel dĂŒrft ihr nicht mal mehr denken. Ihr mĂŒsst Euch falsche Namen ausdenken, die ihr unter Eure Artikel setzt um nicht von Mutter und Vater enterbt und verstoßen zu werden. Ihr mĂŒsst Euch verkleiden, wenn Ihr das RedaktionsgebĂ€ude betretet. Mit PerĂŒcke, falschem Bart und weitem Mantel schleicht Ihr gebeugten Hauptes in den frĂŒhen Morgenstunden um die HĂ€user, wenn sich sonst niemand auf den Straßen tummelt, um Eurer Berufung nach zu gehen. Denn eine Berufung ist es mit Sicherheit, vielleicht auch ein Gottesgeschenk. Denkt doch nur einmal an Jesus, und scheut Euch nicht, Euer Bild neben seines zu hĂ€ngen! Er wurde Zeit seines Lebens auch verkannt, hat gelitten und seine Glorie wurde erst nach seinem Tod gepriesen.

Ausgelacht werdet Ihr, und mĂŒsst unter TrĂ€nen verfolgen, wie Eure Schöpfungen öffentlich von so genannten Komikern denunziert und verrissen werden. Dabei sind doch eben diese Menschen die Kleingeister, denen der Verstand und die SensibilitĂ€t fehlen um Eure Botschaften und poetischen Kreationen zu wĂŒrdigen, ja zu verstehen.

Ich fĂŒhle mit Euch! StĂ€ndig habt Ihr diesen Drang in Euch zu schreiben, zu machen und zu schaffen, habt Euch ein Forum aufgebaut, um Eure ungebundene Lebensfreude unter das debile und noch nicht bereite Volk zu geben. WĂ€ret Ihr damals schon gewesen, hĂ€tte Luther seine Thesen nicht an die KirchentĂŒr genagelt, er hĂ€tte eine Titelserie bei Euch gehabt. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir, an jeder Bahn- und Bushaltestelle in großen Lettern: „Schluss mit Lustig, Ihr da oben! TĂ€glich Tolle Thesen, jetzt in Bild“

Ihr seid verkannte Genies, Euch gebĂŒhren Preise, TrophĂ€en und Bamben. Erkannt habe ich die wahre Kunst Eurer Worte, als der dicke Mooshammer verkabelt wurde. Als der lustige Mann, der den Kekstest fĂŒr den Cappuccino erfand, der aussah wie ein ĂŒberreifer Schopftintling, das Zeitliche segnete, segnetest Du, lieber Bild-Online-Redakteur ihn mit diesen Worten:

Sein bizarres Leben zwischen Glanz und SĂŒnde

Da muss man nicht erst die ZwischenprĂŒfung in Literaturwissenschaft gemacht haben, um zu erahnen, was fĂŒr eine Wortgewalt in dieser Titelzeile steckt!

Doch dann kommt ein Teil, in dem die Gnadenbringende Botschaft nicht mehr versteckt im Subtext mitschwingt.

ER war ein Schwan – und ein Schlawiner.

Und das ER schreibst Du komplett in Großbuchstaben, wie es sonst nur Gott vorbehalten ist. An dem Schmerz ĂŒber den Verlust dieses dicken lustigen Mannes lĂ€sst Du uns teilhaben. Mit solch einer PrĂ€senz deiner Qual, dass ich nur noch durch den Schleier meiner TrĂ€nen weiter lesen konnte:

ER hatte ein großes Herz – und dunkle Geheimnisse.

ER war sehr arm – und wurde reich.

ER war bizarr berĂŒhmt – und blieb ewig einsam.

Sein Leben war ein MĂ€rchen – ein Traum und Alptraum

Wie wunderschön Du schreibst! Wie gefĂŒhlvoll und ehrlich! Deine Worte lesen sich mit solch geballter Poesie, dass man sie lieber singen als lesen möchte…

Weiter versetzt Du uns in die letzten Nacht des lackhaarigen Paradiesvogels, als wÀrst Du bei ihm gewesen, als Rudolph M. das letzte mal in die GefÀhrtin der Zwielichtigen, aber auch der Rastlosen, der SchwÀrmer, Liebhaber und liebenswerten Randexistenzen eindrangst: In die Nacht:

Sein schwarzer Rolls-Royce (M-RM-111) glitt in der letzten Nacht seines Lebens elegant durch das glitzernde MĂŒnchen, wo es am schmierigsten ist.

Rudolph Moshammer saß allein am Steuer und suchte die Liebe. Er fand seinen Tod.

Nie, aber wirklich noch nie hat ein Schriftsteller, Autor, LiteraturnobelpreistrĂ€ger Emotionen so stark zusammenballen können wie in diesen SĂ€tzen. …suchte Liebe. Er fand seinen Tod. Geschickt stellst Du ein Satzkonglomerat aus gerade einmal sechs Wörtern zusammen mit den radikalen GegensĂ€tzen Suchen – Finden / Liebe – Tod. Oder möchtest Du auf den poetisch-philosophischen Ansatz von Maurice Maeterlinck hinweisen, dass die Liebe an sich eine Suche ist, deren Erkenntnis einem Tod gleichkommt, da sie ohne Suche nicht mehr existiert?

Du siehst, lieber Bild-Redakteur, mir bleiben die Tiefen Deiner SĂ€tze und Aphorismen nicht verborgen. Ach ginge es doch allen Menschen so, wir wĂŒrden Dir eine SĂ€nfte bauen und Dein vom Denken mĂŒdes Haupt streicheln und salben.

Weiter entfĂŒhrst Du uns in das geheimnisvolle Leben des Rudolph M aus M. :

„Mosi“ (ewige 50–65) war ein eitler Gockel. Er krĂ€hte skrupellos. Er lebte, liebte und log, bis sich die PerĂŒcke bog.

Noch haben wir TrÀnen in den Augen aus lauter Empathie, da zauberst Du uns mit diesem kleinen Reim ein LÀcheln auf die Lippen. Du lÀsst uns auch im Moment der Trauer nicht allein.

Nun zeigst Du uns die Gewalt der Symbolik und der GegensÀtze:

‱ Seine falschen Haare waren ein Symbol fĂŒr die Schatten seines Lebens.

‱ Er war homosexuell – und hat es Ă€ngstlich bestritten.

‱ Er war nie Schneider – und wollte Mode-Zar sein.

‱ Sein Hundetick war ein Werbegag (es gab hintereinander etwa 5 „Daisys“) – auf einer Party lief er mit einem toten Yorkshire-Terrier in der Hunde-Handtasche rum: „Sie schlĂ€ft.“

‱ Sein bayerisches Lebensmotto (gesungen): „Moos‘ hamma, schee samma, reich samma, Scheich samma“.

Nun ist Dir natĂŒrlich bewusst, dass wir nicht alle aus den sĂŒdlichen Gefilden Deutschlands herbeigeeilt sind um Deinen Worten zu lauschen beziehungsweise sie begierig mit unseren Augen auf zu saugen. Du besitzt die Weisheit und Gnade uns dieses Lebensmotte des leichtfĂŒĂŸigen Connaisseurs zu ĂŒbersetzen

Übersetzt: „Geld haben wir, schön sind wir, reich – und Scheich“.

Sogar in Reimform! Da hÀtte sich die gesamte Meute von Rilkes, Goethes und Morgensterns doch die ZÀhne dran ausgebissen! Du bist ein Teufelskerl!

Und schon folgt noch ein kleiner Reim, eine Art SahnehÀubchen auf dem vorangegangenen:

Er ist ein Original. Mit dem Herzen eines Engels – und Bengels.

„Engels – Bengels“. Verflixt, wie kommst Du nur auf so etwas?!

Und nun kommt das emotionale HerzstĂŒck dieses epochalen Werkes. Du lĂ€sst und daran teilhaben, dass Du diesen Tausendsassa, diesen galanten gefallenen Engel persönlich kanntest. Du bauschst es aber nicht auf, es sind die stillen Töne, die wir hier hören und die uns rĂŒhren:

Ich stand einmal neben ihm, am Tresen von „Schumann’s Bar“. Wir tranken Bier. Er wirkte mĂŒde, allein, einsam aber trotzig: „Das Leben ist ein Geschenk. Das Leben ist schön. Geld macht glĂŒcklich.“

Du scheust Dich nicht, Wahrheiten auszusprechen, ja Du stellst Dich gegen die verlogene Gesellschaft mit ihren faden SprĂŒchen auf ihren Bannern. NatĂŒrlich macht Geld glĂŒcklich!

Ach wĂŒrde doch nur jeder Mensch diesen Deinen Mut aufbringen und die Dinge bei ihrem Namen nennen…

Beim Lesen der nĂ€chsten Zeile fĂ€hrt es mir wie eine Dampframme in die Magengrube, es tauchen GefĂŒhle in mir auf, die ich noch nicht einmal kannte, geschweige denn, die ich benennen könnte. Es ist mehr als Trauer, mehr als Liebe, beim Lesen dieser Zeile habe ich mich Gott nah gefĂŒhlt:

Er schenkte mir sein weißes Seidenstecktuch und verschwand in der Nacht.

Mir fehlt die Kraft und der Mut diese Worte zu kommentieren.

Du lĂ€sst uns einen Blick in die Welt der Schönen und Reichen werfen, durch die Augen von Mooshammer, was fĂŒr ein genialer Schachzug!

Er hatte 100 AnzĂŒge und 100 Paar Schuhe. Er schneiderte fĂŒr die Könige von Schweden, Thailand, Saudi- Arabien, fĂŒr Schwarzenegger, Bernstein, Lorne Green („Bonanza“), Hildegard Knef, Siegfried & Roy, Gracia Patricia, MultimilliardĂ€r Flick und Thomas Gottschalk.

Und dann die Kehrtwende! Aus der Jetset-Welt der ernĂŒchternde Blick auf die eigene Existenz zwischen FeierabendbĂŒchsenbier und Jugenddiktatur. Denn in eben der Sprache der Jugend lotst Du uns zurĂŒck, ja transzendierst uns zu uns zurĂŒck:

Am Schluß war seine Boutique ein Schrein seiner Legende: Seidenkrawatten und so.

Am Schluß Deines Jahrhundertwerkes schaffst Du dann das, was nur den wenigsten gelingt: Du baust mit Deinen Worten ein Denkmal:

Er öffnete dem Tod die TĂŒr.

Jetzt ist Rudolph Moshammer unsterblich.

Vielen Dank, lieber, unbekannter Bild-Redakteur. Ich liebe Dich.

© 2007 Florian MĂŒller

Mir sitzt der Schalk im Nacken

Es ist weiß in diesem Raum. Ganz weiß. Die WĂ€nde sind gepolstert, der Boden auch, in der TĂŒre ist ein kleines Guckloch und eine kleine Pforte, durch die mir mein Essen geschoben wird. Es ist eine Gummizelle.

Dr. Peter hat mir freundlicherweise ein Töpfchen Fingerfarbe gebracht, mit dieser schreibe ich nun diese Zeilen an die weichen, weißen WĂ€nde.

Wie bin ich denn nur hierher gekommen, ich will es Euch verraten:

Es fing in meiner Kindheit an, ich muss so etwa 8 Jahre alt gewesen sein, da meinte meine Mutter zu mir: „ Na Du hast aber einen rechten Schalk im Nacken!“. So hat sich meine Mutter oft ausgedrĂŒckt, den wahren, metaphorischen Sinn ihrer Äußerung habe ich damals natĂŒrlich nicht verstanden. Ein Schalk im Nacken. Soso. Und was ist das? Ich war wohl immer zu einem Spaß aufgelegt, habe keine Gelegenheit ausgelassen, Onkel Erwin oder Tante Elsbeth zu Ă€rgern, aber nie bösartig. Das kam spĂ€ter. Auch in der Schule war ich schnell fĂŒr meine Streiche und Witze bekannt. Einmal habe ich eine Mausefalle in meine SchultĂŒte gepackt und meinte zu meiner damaligen Schulfreundin Barbara: „Greif nur mal rein, was Du zu fassen bekommst, gehört Dir!“ Schnell war es mit der Freundschaft aus.

Doch als meine Mutter mir den Schalk in den Nacken dichtete, nahm ich sie beim Wort. Lange stand ich vor dem Spiegel im Badezimmer und untersuchte meinen Hals, bis ich den Kopf fast so gut drehen konnte wie eine Eule. Nichts war zu sehen. Kein Schalk oder was auch immer. Bis ich dann den Kosmetikspiegel meiner wortgewandten Mutter auf die RĂŒckseite meines Halses richtete. In der vergrĂ¶ĂŸernden Seite sah ich ihn denn: den Schalk.

Ganz klein und scheinbar recht schĂŒchtern lugte er da aus meinem Haaransatz in meinem Nacken hervor. Ein winziges Wesen mit riesigen fast verĂ€ngstigen Augen blickte mich durch den Spiegel an. Lustig sah er aus, der Schalk. Ein behaartes Gesicht, wie ein kleines Äffchen, mit spindeldĂŒrren Ärmchen, eine kleine Stupsnase und eben diese großen Ă€ngstlichen Augen.

Noch lustiger war aber sein Gewand. Es schien aus lauter Pompons zu bestehen, hatte hier und da ein Glöckchen am Gewand, das ich nun auch leise bimmeln hörte. Dann sah ich, dass er auch etwas in seinen kleinen HÀnden hielt. In der Rechten hatte er eine Art Rassel, in der Linken ein Tröte. Und zwar so eine Tröte, die schneckenartig aussieht und sich unter blödem Gefiepe entrollt, blÀst man hinein.

„Du bist also mein Schalk“, sagte ich und machte keine Anstalten ihn zu verjagen. Das merkte er und wurde mit der Zeit zutraulicher. Bald verriet er mir seinen Namen: Woggowoggo heiße er, fiepte er mir mit seiner Fistelstimme ins Ohr. Er sprach recht komisch, mit einem Dialekt, von dem ich spĂ€ter erfuhr, dass es sĂ€chsisch ist.

Woggowoggo und ich hatten viel Spaß miteinander. Er sagte mir oft lustige Sachen ins Ohr, wenn ich mit Lehrern sprach: Die Lehrer wussten nie, warum ich gerade bei ihren AusfĂŒhrungen oft in schallendes GelĂ€chter ausbrach. „ Nu guck dir mal die dicke Berta an, selbst so dick, dass sie eine eigene Postleitzahl braucht!“ flĂŒsterte er mir ins Ohr, als uns Frau Berthold in Erdkunde mit den deutschen Postleitzahlen vertraut machen wollte. Ich machte mir fast in die Hosen vor Lachen, Frau Berthold fand es weniger komisch. Im Lehrerkollegium bekam ich bald das Attribut „verhaltensgestört“. Ich erzĂ€hlte meiner Mutter von Woggowoggo, aber sie lachte nur und meinte: „Jaja, kindliche Autoprojektionen imaginĂ€rer Freunde, das ist ja nicht selten“. Ich verstand kein Wort, Woggowoggo flĂŒsterte: „Blöde Intellektuelle, wohl’n Fremdwörterlexikon verschluckt“. Aus reinem Reflex wiederholte ich diese Worte und musste ohne Abendessen ins Bett.

Als meine schulischen Leistungen immer schlechter wurden, es wurde schon von Sonderschule gemunkelt, beschloss ich den kleinen Woggowoggo mit seiner Tröte und seiner Rassel einfach zu ignorieren. Irgendwann wĂŒrde er schon verschwinden. Der Höhepunkt kam, als unser Mathelehrer, Herr Wonschinski, einer ersten, der nach der Wende in den Westen kam, und die Tiefen der Trigonometrie erklĂ€ren wollte und Woggowoggo mit voller LautstĂ€rke direkt mit seiner Tröte ins Ohr blies und dazu mit seiner Rassel rasselte. Irgendwann hatte ich die Nase gestrichen voll und schrie: „Jetzt hör doch mal mit dem Scheiß auf, Du Ossiarsch und verpiss Dich endlich dahin wo Du hergekommen bist!“ In der Klasse war auf einmal totenstill, bis auf das Gekicher von Woggo, das natĂŒrlich nur ich hören konnte. Herr Wonschinski lief puterrot an, sein rechtes Auge fing an zu zucken und ich rechnete damit, dass platze. Er lief jedoch nur aus der Klasse und kam bald wieder. Mit dem Direktor. In der Klasse war ich ein gefeierter Held, im Rektorenzimmer ein kleines HĂ€ufchen Elend. Ich konnte denen doch nicht erklĂ€ren, dass ich nicht Herrn Wonschinski angeschrien hatte sondern meinen kleinen, fĂŒr andere Augen unsichtbaren, fĂŒr andere Ohren unhörbaren Woggowoggo, den Schelm, der mir im Nacken sitzt!

Ich kam noch einmal mit einem Tadel davon und beschloss an diesem Tag den Schelm zu ignorieren.

Wer sich aber im Leben einmal umgesehen hat, der weiß, dass es ĂŒberhaupt nichts bringt, wenn man die Worte der Eltern befolgt: „Wenn Dich einer Ă€rgert, einfach nicht beachten, dann verlieren sie die Lust und gehen wieder.“ Nichts da. Wenn man den Bösewicht, den Klassenangeber oder den Schelm im Nacken ignoriert, stachelt sie das nur zu ungeahnten Höchstleistungen an.

War ich mal in der Disco und versuchte mit einem netten MĂ€dchen ins GesprĂ€ch zu kommen, tanzte er auf meiner Schulter herum und brĂŒllte mir ins Ohr: Die kriegst Du eh nicht, die wirst Du niemals flachlegen, Du bist ein Schlappschwanz…“ und so weiter. Kein Wunder, dass es mit den MĂ€dels nicht funktioniert hat, steht man vor ihnen und klopft sich stĂ€ndig auf die Schulter, bekommt erst einen nervösen, dann einen irren Blick und schreit letztendlich „Wenn ich will leg ich hier alle flach, halt endlich die Fresse!“, wĂ€hrend sie Dir gerade angeregt von ihrem Psychologiestudium erzĂ€hlt. So mancher Drink landete in meinem Gesicht, so manche Ohrfeige bekam ich. Woggowoggo lachte nur. Er hatte sich auch Ă€ußerlich verĂ€ndert. Sah er in meiner Kindheit aus wie ein etwas bekloppter Monchichie, trabte nun eine Gestalt auf meinem Nacken herum, die wie eine Collage aus einem GemĂ€lde von Hieronymus Bisch aussah. Ein schwarzer Kapuzenmantel, KrĂ€henfĂŒĂŸe und ein Krokodilsmaul. Die Rassel und die Tröte hatte er nicht mehr, dafĂŒr bugsierte er stĂ€ndig einen Ghettoblaster auf seinen Schultern, aus dem wahlweise Scooter oder Wolfgang Petry an meine Trommelfelle polterte. Und das schlimmste war: Woggowoggo sang meistens mit. Stellen Sie sich ein Alptraumwesen vor, das mit breitem sĂ€chsischen Akzent grölt: „Weiß der Geier oder weiß er nicht, scheißegal ich liebe Dich…“ Das ist nicht schön.

Ich ging zu etlichen Therapeuten, man attestierte mir das Torrett-Syndrom, gab mir verschiedene Pillen, nichts half. Ich versuchte es mit Alkohol, aber man kann sich ja noch nicht mal ordentlich betrinken, wenn einem stĂ€ndig jemand ins Ohr brĂŒllt: „Einer geht noch, einer geht noch rein!“

Schliesslich hatte ich resigniert. Ignorieren hatte nicht geholfen, also ergab ich mich meinem Schicksal und tat alles, was mir Woggowoggo ins Ohr brĂŒllte. Ich fasste fremde Frauen an, verhönte Jesus in der Kirche, entblĂ¶ĂŸte mich vor Nonnen und trat nach kleinen Hunden von Ă€hnlich kleinen Omas. Ich wurde verhaftet. Im Gerichtssaal gab Woggowoggo noch mal alles: Er brĂŒllte mehrere Minuten lang die Nationalhymne der DDR, bis ich einfach nicht mehr konnte. Bei der zigsten Wiederholung von „Auferstanden aus Ruinen…“ fuhr es aus mir heraus. Mein Rechtsanwalt wollte gerade eine emotionsgeladene Rede ĂŒber meine schwere Kindheit halten, da steckte ich mir die Finger in die Ohren und schrie „Lalalala, ich hör Dich nicht!“

Ich wurde eingewiesen.

Hier im Sanatorium ist es schön still. Woggo fand es dort nicht so lustig, weil es einfach niemanden Ă€rgerte, wenn ich schimpfend, fluchend und tretend herumpolterte. Alle lĂ€chelten nur und gaben mir beruhigende ZĂ€pfchen. Die Batterien aus seinem Ghetto-Blaster gaben auch ihren Geist auf und er war wieder der kleine behaarte Wicht mit Rassel und Tröte. Bald hörte er völlig auf mit dem Krach und verblasste langsam. Ich glaube, jetzt sitzt er auf der Schulter von Daniel KĂŒblböck…

© 2007 Florian MĂŒller

Frauen sind wie Kartoffelsalat

Frauen sind wie Kartoffelsalat auf einer Party bei der jeder etwas mitbringt. Es gibt immer einen Kartoffelsalat, der kaum beachtet wird, der am Ende ĂŒbrig bleibt. Das ist meistens der Kartoffelsalat, der langweilig aussieht, fad schmeckt, irgendwie nicht aufregend ist. Mit viel Mayonnaise, ĂŒberhaupt ist von ihm auch immer zu viel da. Der Kartoffelsalat steht dann immer so rum, sagt kaum was, wĂ€hrend alle anderen Salate immer weniger werden. Die Party neigt sich dann dem Ende zu, der langweilige Kartoffelsalat steht immer noch da. Irgendwann stĂŒrzen sich dann die letzten besoffenen GĂ€ste auch auf diese letzte SchĂŒssel, verzehren den unscheinbaren, faden, langweiligen Kartoffelsalat mit einem Heißhunger aber ohne WĂŒrstchen, die waren nĂ€mlich schon lange weg. Dabei sagen sie dann Sachen wie: „Mann du bist echt der beste Kartoffelsalat, den ich je gegessen habe, ehrlich!“

Am nĂ€chsten Morgen liegen sie dann neben dem Salat, ihnen ist schlecht, sie fĂŒhlen sich wie das Opfer aus der Gervais-Obstgarten-Werbung und bedauern zutiefst, den fetten Kartoffelsalat ĂŒberhaupt angerĂŒhrt zu haben.

Wie anders ist es da doch mit den exotischen Ingredienzien auf einer Party!

Franziska und Jerome kommen gerade von ihrer Toskana-Reise und bringen ihren toskanischen Kartoffelsalat mit. Nicht ohne dass dieser groß angekĂŒndigt wird: „Der ist ganz leicht, mit Estragon und selbstgepresstem Olivenöl!“ Da stĂŒrzt sich doch sofort jeder mit einem großen Hallo drauf. Oft genĂŒgt auch nur das gewisse Etwas, eine schöne Garnitur, und schon ist der so rausgeputzte Kartoffelsalat der Star jeder Party. Auf die inneren Werte gibt wieder niemand etwas.

Wenn es auf einer Party heißt: „Das ist Begonia, Au Pair-MĂ€dchen aus Brasilien, die sich mit modeln etwas Geld verdient. Sie spricht kein deutsch, möchte aber unbedingt Land und Leute kennen lernen“, kann man sicher sein, dass sie nicht lange um Anschluss betteln muss.

Dass sie eigentlich strohdoof ist, ist erst mal vollkommen unwichtig.

Manchmal ist es aber auch so, dass der Kartoffelsalat nur scheinbar ein ganz besonderer ist. Da stellt Gaby ihren Salat vor: „Der ist aus Kartoffeln, die ich selbst gezĂŒchtet haben. Genau wie die GĂŒrkchen, die hab ich selbst eingelegt. Und als ich die Mayonnaise angerĂŒhrt habe, war ich nackt.“ Schon ist fast nix mehr vom Salat ĂŒbrig, der nichts besonderes ist, aber als solcher verkauft wurde.

Etwas Ă€hnliches habe ich mal in einer Bar erlebt, da gab es zwar keinen Kartoffelsalat, aber dafĂŒr Menschen. Zum Beispiel dieses PĂ€rchen: Sie sitzt ihm leicht gelangweilt gegenĂŒber, sie haben sich scheinbar erst vor kurzen kennen gelernt, aber schon nichts mehr zu sagen. Bis er sich plötzlich durch eine Äußerung quasi zum toskanischen Kartoffelsalat macht: „Ich gehe hier ja auch so gerne hin, weil die hier ausschließlich Jazz spielen. Ich stehe unheimlich auf Jazz. Jazz ist viel gefĂŒhlvoller als andere Musik. Nur bei Jazz kann ich wirklich weinen.“ Solches und andere Sinn-SĂŒlze quillt da aus ihm heraus, aber sie schmilzt vor ihm dahin, fĂŒnf Minuten spĂ€ter sehen wir sie wild knutschen, zehn Minuten spĂ€ter verlassen sie Arm in Arm das Lokal. Und geweint hat er nur ein einziges Mal, und zwar als sein Fußballverein abstieg. Doch fĂŒr sie war er auf einmal der locker-leichte Kartoffelsalat aus biologischem Anbau mit Petersiliengarnitur, Cornichons statt GĂŒrkchen und schön drapierten Radieschen, die wie kleine MĂ€use aussehen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie feststellt, dass er eigentlich von Merl, Homann oder Zott kommt und aus einem FĂŒnf-Liter-Party-Eimer stammt.

Doch was erkennen wir sofort? MĂ€nner sind eigentlich auch nichts anderes als Kartoffelsalat.

 

© 2007 Florian MĂŒller

Kindermund tut Wahrheit kund

Oder: „Weißt’ was isch meine?!“

Lassen Sie mich ein wenig ausholen: In frĂŒheren Zeiten, da war persönliche FlexibilitĂ€t noch ein echtes Einstellungshindernis. Wenn man da nicht auf einen Beruf, eine FĂ€higkeit oder das Denken in einer bestimmten Bahn fixiert war, galt man doch direkt als Luftikus, als Taugenichts, meinetwegen auch als Struwwelpeter. Wenn man sich da fĂŒr die freie Stelle als FleischereifachverkĂ€ufer bewarb und angab, dass einen nicht nur die Liebe zur Wurst beflĂŒgelt, sondern dass man nebenbei auch den ein oder anderen Heller mit dem Behufen alter Pferde verdient, dann war aber direkt der Zipfel am Wurstgeduldsfaden des Wurstmeisters erreicht und man konnte sich trollen.

Heute, ja heute ist aber alles ganz anders. Wenn man da wahrheitsgemĂ€ĂŸ erzĂ€hlt, dass man mit Schreiben, Fotografieren und Designen seine Brötchen verdient, beziehungsweise verdienen kann, dann, ja dann, bekommt man den Job zwar auch nicht, weil man vom Style her nicht in die BĂŒrocommunity passt, aber man geht mit dem guten GefĂŒhl zum schwarzen Brett der Uni fĂŒr die Aushilfsjobs, dass man wenigstens nicht ausgelacht wurde.

FlexibilitĂ€t ist also ein ganz großes Thema. Und wer hat bei neuen Themen immer ganz weit die Nase vorn? Richtig, unsere Jugend, die lieben Kleinen, die Racker und die Zukunft der Erde. Wenn man noch ein kleiner Mensch ist, dann ist es extrem wichtig sich Gehör zu verschaffen und zwar am besten noch bevor man der jungen Union beitritt. Und man muss eben flexibel sein, jede Situation schnell begreifen, sich wie ein ChamĂ€leon verwandeln können um nicht im mĂŒden Malstrom der erwachsenen unterzugehen. Jeder Moment, jede VerĂ€nderung der Umgebung muss prĂ€zise interpretiert werden, in Sekunden, nein in Millisekunden mĂŒssen fĂŒr jede Herausforderung Lösungen parat stehen, Zeit fĂŒr Fehler gibt es nicht, der Eindruck muss perfekt sein, Erwachsene wollen anders behandelt werden als Gleichgestellte, als Chantal Shakira muss man wissen wer auf der eigenen Seite steht und wer der Feind ist. Am 11.11.2005 war Chantal Shakiras Feind ihre St. Martins-Laterne.

Sie muss etwa 9 oder 10 Jahre alt gewesen sein und ich sah sie mit ihrer Laterne auf der ZĂŒlpicher Straße entlanglatschen. Anders kann man diese Art der Fortbewegung nicht bezeichnen. Jedenfalls stand die Laterne nicht auf der Seite von Chantal Shakira. Der Leuchtbommel rutschte aus der liebevoll gekauften PapierhĂŒlle, auf der Schnappi das Krokodil in Fehlfarben leuchten sollte. Schnappi leuchtete aber nicht, weil eben der Leuchtbommel rausgerutscht war. Dies bemerkte nun auch die kleine Chantal Shakira. Und wohl nicht zum ersten mal


Es brach aus ihr heraus: „Verdammter Fuck! Ich kotze gleich! Diese verfickte Laterne, Du Arschloch!“ Und sie schob noch ein leidenschaftlich herausgerotztes „Oh Mann!“ hinterher.

WĂ€hrend der Schimpftirade auf Schnappi dröselte sie den Leuchtbommel wieder zurĂŒck in die Laterne und betrat genau eine halbe Sekunde nach ihrem enervierten „Oh Mann!“ die Metzgerei Zippel Ecke Joseph Stelzmann Str. Eine Sekunde nach ihrer Tirade stimmte sie mit glockenklarer Stimme die alte Weise an: „Ich geh mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir
“ Die Zippel-VerkĂ€uferin war gerĂŒhrt. „Na Du hast aber eine schöne Laterne!“ „Ja, das ist Schnappi, das Krokodil, das find ich total toll.“

Wunderbar. Chantal Shakira bekam mindestens eine Scheibe BÀrchenwurst extra, neben Frikadelle uns Kotelett. Und ich gelangte zu der Einsicht, dass ich diese FlexibilitÀt der Chantal Shakira sicher niemals erreichen werde.

Dass die Jungend aber nicht nur die Nase vorn hat in Bezug auf FlexibilitĂ€t und wieseligem Verhalten erfuhr ich in der Straßenbahn. Einer Truppe von vier hormongestraften Pubertierenden (zwei Jungs, zwei MĂ€dels) lauschte ich folgende Weisheiten ab:

Entgegen aller Annahmen ist die Jungend nicht von Haben wollen, anhĂ€ufen von Statussymbolen, Neid und Blendwerk geleitet und beflĂŒgelt. Hört man ihnen zu, erfĂ€hrt man, dass auch bei ihnen ein gesunder Hang zu Sparsamkeit und realistischer EinschĂ€tzung vorhanden ist. Sie sprachen gerade von irgendetwas belanglosem, da sagt Mandy auf einmal folgenden Satz: „Ey, Ipod is voll unnötig!“.

Undstatt dass sich jetzt zumindest die beiden Unterhaltungsversierten Jungs entrĂŒstet ĂŒber die vermeintlichen VorzĂŒge des modischen Musikbegleiters auslassen, höre ich von den ĂŒbrigen dreien nur unisono ein zustimmendes „Hmm
“.

Dann unterhielten sie sich ĂŒber die jeweilige Berufswahl. Der Justin hatte da schon einen ziemlich konkreten Wunsch: „Also ich will mal so Arzt werden oder so. Das ist voll der korrekte Beruf und so. Und da geht’s KohlemĂ€ssig richtig steil“.

Melissa, die ihm gegenĂŒber saß ließ sich vom pekuniĂ€ren Steilheitsgrad des Berufswunsches von Justin nicht beeindrucken. Sie wusste Bescheid. Sie kannte sich in der Materie aus. „Ey, Du weißt schon, dass das voll so der Lernkrampf ist! Weißt’ was ich meine?!“

Ich hatte zuerst Lenkrad verstanden und stutzte kurz. Justin ließ sich jedenfalls nicht von seinem Ziel abbringen. Er wĂŒrde es schon schaffen. „Normal, aber das check ich schon.“. Das ist doch mal eine gesunde Einstellung. Nur die Ruhe bewahren, sich nicht unnötig verrĂŒckt machen lassen, locker durch die Hose atmen. Aber Melissa ließ nicht locker: „Das ist so mit Anatomie und so, das ist voll schwer! Weißt Du ĂŒberhaupt was Anatomie ist?“ Jetzt war ich gespannt. Justin auf dem PrĂŒfstand, auf dem heißen Stuhl, vielleicht wĂŒrde sich jetzt schon die Berufswahl Justins in eine ganz andere Richtung schlĂ€ngeln. Aber Justin hatte den Durchblick. Justin wusste, was Sache war, er kannte sich aus. Drei Augenpaare und ein Ohrenpaar, meins, war gespannt auf Justin gerichtet. Mit einer wedelnden Handbewegung, als wolle er alle Zweifel fortwischen, sagte er: „Ey klar weiß ich, was Anatomie ist. Anatomie ist totes Fleisch.“

So klar, so knapp und so bar jeden Zweifels steht es ganz sicher in keinem Medizinbuch. Justin ist zum Heiler geboren. Trotzdem werde ich in zehn Jahren jeden Arzt, der Hand an mich legen will erst mal nach seinem Vornamen fragen.

© 2007 Florian MĂŒller

Ich mag Arztbesuche

Ich mag Arztbesuche. Also nicht wenn der Arzt einen besucht, sondern wenn man den Arzt besucht. An seiner WirkungsstĂ€tte. In seiner Praxis. Eigentlich mĂŒsste es heißen: Ich mag Praxisbesuche, aber das klingt zu umstĂ€ndlich. Ich meine auch nicht den Besuch eines Krankenhauses, sondern einer richtig schönen Arztpraxis. Die Praxis verhĂ€lt sich zum Krankenhaus wie Jazzmusik zu Techno. Das eine ist feine Musik, das andere fĂŒr Idioten, die Masse, die Trottel, die ein Ragout Fin nicht von einem HĂŒhnerfrikassee aus der Jugendherberge unterscheiden könnten. Doch ich schweife ab.

Ich gerne in die Arztpraxis bei mir in der Strasse. Es ist eine Gemeinschaftspraxis, man kann also sicher sein, dass da immer etwas los ist. Allerdings wird dort nicht amputiert, auch kann man sich dort nicht lobotomisieren lassen. Es ist quasi eine einfache Praxis fĂŒr den kleinen Mann. Und die kleine Frau.

Ich gehe dorthin, auch wenn ich nicht krank bin. Die meisten Menschen haben Angst vor Arztbesuchen. Das ist totaler Quatsch. Die Praxis ist ein Quell der Freude und der kreativen Anregung. Man findet schneller Freunde als in einer Kneipe, in der das Kölsch noch Eins achzig kostet. Mark.

Fangen wir mit dem Wartezimmer an. Ich gehöre zu den Menschen, die lieber zuhören, als ĂŒber Gott und die Welt zu reden, mein Taxifahrer soll die Klappe halten, meinem Lieblingsfriseur wurde bei den Apachen die Zunge herausgeschnitten. Im Wartezimmer nicht in ein GesprĂ€ch verwickelt zu werden, ist relativ schwer, haben doch die meisten dort Angst, sind verunsichert. Und so wollen die meisten reden. Über irgendwas, Hauptsache, es lenkt von den eigenen Ängsten, AuswĂŒrfen, GeschwĂŒren, Gebrechen ab. Ich habe eine Methode entwickelt, um nicht angequatscht zu werden: Ich betrete das Wartezimmer stolzen Blickes und es dauert nur wenige Sekunden, bis der erste hustet. Dann kommt mein Auftritt: Ich schaue den Geplagten mit dem Schleim auf der Glottis verĂ€chtlich, leicht höhnisch an, mit einer Prise Ekel, und sage laut und deutlich: „Mein Gott, kranke Tiere erschießt man doch auch!“ Und ziehe mir einen Michael-Jackson-Ă€hnlichen Mundschutz ĂŒber Nase und Mund. Man kann sicher sein, dass man dann nicht mehr angesprochen wird und dass diese Aktion die Gruppendynamik der Wartenden verstĂ€rkt, aus der nun die interessantesten GesprĂ€che erwachsen.

Meistens unterhalten sich die Insassen eines Wartezimmers ĂŒber ihre eigenen Krankheiten. Das reicht bei mir meistens schon aus, damit ich mich gesund und pudelwohl fĂŒhle. Ich streife dann den Mundschutz ab, werfe ihn recht sportlich in die Ecke und verabschiede mich kichernd.

Doch um die GesprÀche geht es hier nicht.

Der Besuch einer Arztpraxis ist Balsam fĂŒr meine Seele. Mancherzeit bin ich schlecht gelaunt, möchte die ganze Welt verfluchen, denke, das Schicksal meint es nicht gut mit mir. Dann gehe ich in eine Praxis, und siehe da: Die Empfangsdame ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch schlechter gelaunt. Das hebt die Stimmung radikal, erste recht, wenn sie einen mĂŒrrisch anschaut und mir ein „Ja bitte?!“ entgegenrotzt, obwohl sie doch gar nicht krank ist, und ich selbst dann, schon besser gelaunt, nur „och, nix
“ antworte. Schon tĂ€nzle ich vergnĂŒgt von dannen, die Sonne strahlt wieder, ich bin so gut gelaunt, dass ich Tauben streicheln möchte.

Im Behandlungsraum selbst beginnt die Seelenmassage schlechthin. Nirgendwo wird man mehr gelobt als dort. Der Arzt fragt mich nach meinem Stuhlgang, ich gebe eine zufriedenstellende Antwort, er sagt mit freudig hochgezogenen Augenbrauen: „Sehr schön, fantastisch, toll!“ Wo sonst werden die eigenen Exkremente nach Verlassen des Töpfchen-Alters so begeistert aufgenommen? Ich weiß es auch nicht.

Ich war körperlich schon relativ frĂŒh entwickelt, schĂ€mte mich aber immer dessen vor meinen Schulkameraden. Dann musste ich zum Hautarzt, der mir ein Muttermal da entfernen musste, wo spĂ€ter die Blinddarmnarbe ihren Platz fand. Kenner und Menschen ohne Blinddarm wissen nun von welcher Stelle ich spreche, der Rest lĂ€sst es sich bitte erklĂ€ren. Jedenfalls begutachtete der Arzt meine nackten Lenden (Mist, doch verraten!) und sagte ob meiner spriessenden Haare: „Mensch, Du bist aber schon prĂ€chtig entwickelt“, ganz ohne den Spott in der Stimme, dem ich Ă€ngstlich entgegenfieberte. Er durchbrach meine Hemmungen und ich suchte mir sofort eine fĂŒnf Jahre Ă€ltere Freundin.

Ein Proktologe sagte einmal zu mir: „Sie haben aber einen entspannten Dickdarm!“, wo hört man so etwas denn sonst?

Ärzte sollen unsere Freunde sein, wir sollten mit ihnen auch unsere SpĂ€ĂŸe machen, wie oft amĂŒsieren sie sich auf unsere Kosten? Wer einen Arzt im Freundeskreis hat sollte ihn einfach mal zum Mediziner-Stammtisch begleiten, er wird große Augen machen! Der Patient ist die grĂ¶ĂŸte Lachnummer auf diesen Versammlungen! „Der alten Pasulke hab ich erst mal eine Riesenlatte an Medikamenten verschrieben, obwohl, mal ehrlich: Mehr als einen Monat gebe ich der eh nicht, aber irgendwer muss ja meine schicken Golf-Hosen bezahlen, Hahahahaha.“

Ich bin ein Freund von Ärzten. Außer von ZahnĂ€rzten. Das sind Sadisten vom Scheitel bis zur Sohle.

ZahnĂ€rzte tragen auch nicht aus hygienischen GrĂŒnden einen Mundschutz. Nein, sie verbergen dahinter ihr diabolisches Grinsen, ihre hĂ€mische Freude ĂŒber jedes Fleckchen Karies und jede Wurzelbehandlung. Über die freuen sie sich ganz besonders. WĂ€hrend die KinderĂ€rzte unserer Zeit im Mittelalter die Hofnarren gewesen wĂ€ren, hĂ€tten die ZahnĂ€rzte ihren Arbeitsplatz unter der Burg und wĂ€ren Folterknechte. Betrachtet man es mal genau, unterscheiden sich die Instrumente des einen gar nicht so sehr von denen des anderen.

Jeder Arzt-Typ ist auch immer ein ganz bestimmter Typ Mensch. Ich möchte mich hier nicht ĂŒber den GynĂ€kologen auslassen, aber wundern muss ich mich doch ĂŒber ihn. Da muss man schon ganz bestimmte Interessen haben. Genau wie der Proktologe, der auf seine ganz eigene Art mit dem Ende der Nahrungskette beschĂ€ftigt ist.

Ich wĂ€re auch ein sehr guter Arzt. Zumindest hĂ€tte ich meinen Spaß an der Sache. Jedes mal wenn ich die Untersuchungsergebnisse meines Patienten in den HĂ€nden hĂ€tte und er das Zimmer betritt wĂŒrde ich eine Augenbraue hochziehen und das GesprĂ€ch mit “Oh, oh…!” Anfangen. Hach, das wĂ€re schön.

Ärzte haben sowieso immer mehr Spaß als alle anderen. Abendlich bedienen sie sich an den MedizinschrĂ€nken und feiern mit ihresgleichen ausschweifende Drogenparties. Am Morgen werfen sie dann die Pillen ein, die sie uns schon so lange vorenthalten und werden augenblicklich nĂŒchtern und haben keine Beschwerden. Kein Wunder, dass Medikamente immer teurer werden.

Trotzdem, ich mag Ärzte und Arztbesuche.

© 2007 Florian MĂŒller


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